Donnerstag, 10. März 2016

"An Frieden denken heißt, an die Kinder denken."

Dieser Satz stammt von Michael Gorbatschow und wenn man ihn ernst nimmt, dann herrscht derzeit Krieg. Nicht nur in Syrien oder anderswo auf der Welt, sondern mitten in Europa. Er tobt in Flüchtlingslagern, die sich entlang der Balkanroute befinden und ganz besonders tobt er in Idomeni. 

In einem Camp, dass gerade im Regen und Schlamm versinkt. Und mit ihm die Kinder. Während wir uns als Eltern hier in Deutschland wegen jeder Steckdose, die nicht kindersicher ist, ins Hemd machen, während wir aus der Frage, ob wir unser Kind an diese oder an jene Schule geben, einen Staatsakt kreieren, während wir mit der Debatte, ob unsere Kinder BIO-Essen an der Schule bekommen oder nicht, ganze Elternabende füllen, vergeht sich Europa an den Flüchtlingskindern. Das klingt hart, aber alles andere wäre Augenwischerei. Und es tut mir auch leid, dass ich Dir diesen Post zumute. Aber noch schlimmer als das ist die Tatsache, dass wir, so wie wir hier alle sitzen, das, was in Idomeni geschieht, zulassen. Durch unser Nichtstun. Durch unser Zusehen. Durch unser Phlegma. Durch den Abstand den wir haben. Sind ja nicht unsere Kinder. Hier ist es ja warm. Und was können wir schon tun?

Am 6. März ist in Idomeni ein Baby geboren. In einem kleinen Iglu-Zelt. In der Kälte. Ohne Hygiene. Ohne sterile Geräte. Ohne ein kleines Armbändchen mit Namen. Ohne eine freundliche Hebamme, einen Arzt. Ohne ein Willkommenstäschchen von der Firma Penaten oder Bübchen. Ohne frische Windeln. Gewaschen wurde das Baby mit Wasser aus einer Trinkflasche. Willkommen in dieser Welt, kleiner Mensch. Einen Tag später, wäre ein anderes Kind fast gestorben. An Atemnot. Weil es krank war und sich der beißende Rauch der Lagerfeuer, in denen leider nicht nur Holz verbrennt, in die kleinen Lungen gefressen hatte. Ein paar Stunden zuvor kam ein Junge gerade so mit dem Leben davon. Er war auf einen Übertragungswagen geklettert und erlitt einen Stromschlag. Der Zufall wollte es, dass der Übertragungswagen direkt neben der Krankenstation stand, was diesem Kind das Leben rettete. Und, hören wir einen Aufschrei? Marschieren Staatsmänner Hand in Hand über die Champs-Élysées? Gibt es eine Petition? Entdecken Politiker ihr Herz? Nein, sie denken nicht an Frieden. Nicht an die Kinder. Im Gegenteil. Sie wittern Erpressung, wenn Bilder aus dem Elend gezeigt werden.

Was mich in Idomeni am meisten beeindruckt hat, war, mit welcher Kraft die Jungen und Mädchen das alles ertragen. Den Müll, den Matsch, die Kälte, die unwirtliche Umgebung. Die Tatsache, dass sie keinen Spielplatz haben, keine Schule, kein Zuhause. Die Tatsache, dass sie vielleicht sogar ohne Eltern sind. Und überhaupt nicht wissen, was morgen sein wird. Wie schnell man ihnen trotzdem ein Lächeln in die Gesichter zaubern kann. Wie gut sie in der Lage sind, das Beste aus der Situation zu machen. Unglaublich. Aber es wäre eine Falle zu glauben, dass das keine Spuren hinterlässt. Dass solche Erfahrungen sich nicht einbrennen und irgendwann die Seele belasten. Was erzählen wir ihnen später, wenn sie uns fragen? Welche Antworten haben wir, wenn sie verzweifelt sind über das, was ihnen widerfahren ist? Was sagen wir, wenn sie die einfache Frage stellen: “Warum hat uns niemand wirklich geholfen?” Antworten wir dann wie heute ein Österreichischer Politiker und sagen: “Die Bilder des Elends seien völlig überdimensioniert?” Oder anders: “Habt Euch nicht so!”?

Wenn die Informationen stimmen, dann wird das Lager in den nächsten Tagen geräumt. Dann werden die Kinder von Idomeni weiterziehen. Sich wieder an einen anderen Ort gewöhnen müssen. Vielleicht wohnen sie dann in einem großen Zelt. Vielleicht schenkt ihnen jemand einen Teddy, während ein anderer gleichzeitig im Internet schreibt, dass die Teddyschenker die verblendeten Idioten sind. Seit ich wieder hier in Berlin in meiner Wohnung, in meinem Zuhause sitze, gehen mir die Kinder nicht mehr aus dem Kopf. Ich schaue meine eigenen an, schicke Dankeshymnen in den Himmel und schäme mich gleichzeitig dafür, dass ich nicht sofort wieder nach Idomeni fliegen kann, um irgendwie zu helfen. Vielleicht habe ich einen Knall, bin ein verkappter Gutmensch, eine Weltretteridiotin, eine Klatscherin, eine komplett Verblendete, die nicht sieht, wohin uns das alles führt. Vielleicht bin ich aber auch ein Mensch, eine Mutter und Frau, der das Herz zerspringt, wenn sie zusehen muss, wie Europa diese Kinder im Stich lässt. 

Schau sie Dir an. Jedes einzelne ist es wert, an nichts anderes außer an Frieden zu denken.





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