Mittwoch, 23. März 2016

Abschied für immer? Warum Tränen manchmal nicht reichen

Einen Tag, bevor ich sicher mit dem Flugzeug auf Lesbos gelandet bin, sind zwei Männer aus Syrien auf der Flucht nach Lesbos gestorben. Sie wurden leblos aus einem überfüllten Schlauchboot geborgen und alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. In den Medien war es eine Randnotiz. Für die Menschen, die ihnen nahestanden und für die Helfer nicht.


An dieser Stelle nehme ich mich aus der Geschichte heraus, denn dieser Text ist für die beiden Männer, die heute, drei Tage nach ihrem Tod, in einem Olivenhain auf der Insel, fernab ihrer Heimat beerdigt wurden. Bevor ich Euch mit dem Lesen und Euren Gedanken allein lasse, möchte ich noch eins sagen:

Ich verneige mich tief vor dem Mut und der Größe der Hinterbliebenen. Allein der Gedanke daran, meinen Mann zu verlieren, ist für mich kaum auszuhalten und ich bin nicht auf der Flucht, habe keinen Krieg erlebt und stehe auch nicht mit vier kleinen Kindern allein in einem fremden Land, ohne zu wissen, wie das Leben weitergeht. Des Weiteren verneige ich mich vor George Katzanos, dem Vizebürgermeister von Lesbos, der sich nicht zu fein ist, zu einer Beerdigung von Flüchtlingen zu gehen und der dort - ohne mit der Wimper zu zucken, die Schaufel anpackt und gräbt und der sich auch seiner Tränen nicht schämt. Und ich verneige mich vor den Helfern, die Tag und Nacht am Strand von Lesbos stehen und solche dramatischen Situationen, in denen das Sterben so nah ist, aushalten müssen.

Gischt spritzt über die Küstenstraße. Weiße Kronen schmücken das blaugrüne Wasser und der Wind bläst so heftig, dass der kleine Peugeot Mühe hat, die Spur zu halten. Drinnen Musik, draußen Sturm. Der alte Mann zeigt mit dem Finger nach Osten. Dort müsste er sein, der Friedhof, der eigentlich keiner ist. Der eher aus der Not heraus geboren wurde, weil auf dem Armen-Friedhof von Lesbos kein Platz mehr war.

Der Weg führt zwar weg vom Meer, aber seltsamerweise bleibt es präsent. Wahrscheinlich ist das etwas, das nur der verstehen kann, der hier vor Ort war. Die Wellen erzählen Geschichten. Sie sind eine permanente Erinnerung an einen Weg, den wir als Europäer gefahrenfrei, wann immer es uns beliebt, nehmen können. Ganz ohne Angst. Ohne unseren Mann, unsere Frau oder unsere Kinder zu verlieren. Und gleichzeitig laden die Wellen ein. Zum Baden, zum Segeln, zum Spielen. Gegensätze muss man hier durchstehen.

Was für eine Blütenpracht links und rechts. Eine Ziegenherde, zwei Hunde, die sie bewachen. Dann wenden, weil der Weg wieder falsch war. Nach einer Stunde endlich am Ziel. Ein paar Menschen stehen auf dem improvisierten Parkplatz. Man stellt sich vor, how are you, ah, from Swisscross, fine, nice to meet you. Stille.

Es war nicht geplant. Eigentlich wollten wir den Friedhof sehen. Ein paar Fotos machen, darüber erzählen. Aber das Leben hatte andere Pläne und so sind wir plötzlich mittendrin. Lassen den Leichenwagen an uns vorbeifahren. Sehen auch den Bus. Die Kinder. Warten, weil es heißt, dass erst einmal nur die Familienangehörigen und eine Handvoll Menschen, von denen wir nicht wissen, wer sie sind, der kleinen Zeremonie beiwohnen dürfen.

Zeremonie - was für ein großes Wort für das, was man von Ferne beobachten kann. Ein freies Stück Land inmitten eines Olivenhains. Daneben eine Baracke, ein Bagger, ein Pickup, braune Erde, ein paar helle Tafeln an aufgehäufelter Erde. Zwei Leichensäcke, die von Männern getragen und in die Erdlöcher gelegt werden.

Von Ferne kein Geräusch. Kein Weinen. Kein Klagen. Kein Schreien. Dann öffnet sich das Tor.

Und mit ihm trete ich wieder in die Geschichte ein, Weil es mein Erleben ist, das diese toten Männer, die eine Zukunft hatten, wieder zu Menschen macht. Das sie herausholt aus der Masse. Damit sie keine Nummer, keine Randnotiz sind. Mein Erleben, das die Kinder ins Bewusstsein holt, weil sie noch ein Leben vor sich haben.

Es gab keine Glocken. Dafür ein Kind, das nicht begriff, was da geschah. Das immer wieder zu dem Häufchen Erde laufen wollte und "Papa", "Papa" rief. Es gab keine Rede, dafür zwei Frauen, die drei Tage zuvor ihre Männer verloren hatten und die sich nun von fremden Menschen umarmen ließen und die Größe hatten, noch zu lächeln. Es gab keine Musik, dafür Moslems, Christen und Ungläubige, die gemeinsam am Grab standen und weinten. Die Blumen pflückten und sie in die braunen Hügel eingruben. Es gab auch keinen Leichenschmaus, dafür einen Moment, an dem wir alle zusammenstanden und redeten. Alle mit geröteten Augen. Alle bewegt.

Als der kleine Peugot die Küstenstraße zurückfuhr, war er wackliger als vorher. Obwohl der Wind nicht mehr so stark wehte. Obwohl die Gischt nicht mehr spritzte. Musik draußen, Sturm drinnen.

Meine Tränen reichen nicht für das, was ich fühle. Für all die Fragen, die bleiben. Wie sollen diese Frauen trauern, wenn sie jetzt in einem Camp interniert sind, aus dem sie nicht herauskommen, es sei denn, der Bus oder die Fähre bringt sie auf das Festland, wieder in ein Camp? Wann können die Kinder jemals das Grab ihres Vaters besuchen? Warum mussten diese Männer überhaupt sterben? Sie haben ein Recht auf Asyl. Sie hätten ein Recht auf Leben gehabt. Es ist so leicht, das Elend von uns zu halten, wenn es nur eine Randnotiz ist. Das heute war live. Ohne Filter. Ohne Grenzzäune. Ohne Distanz.

Ruhet in Frieden. Ich und viele andere hätten euch Leben gewünscht. Toben in Wellen, nicht sterben.






 George Katzanos 

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Kommentare:

UeliS hat gesagt…

Danke,dass du uns die Realität der Geflüchteten nahe bringst

UeliS hat gesagt…

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