Mittwoch, 10. Februar 2016

Packen wir das!

Eigentlich wollte ich heute darüber schreiben, wie aus Fremden Freunde werden. Etwas, das ich auf Lesbos jeden Tag erlebe. Aber wie gestern schon geschrieben - die Prioritäten ändern sich auf dieser Insel schnell. Man muss reagieren und das möglichst, ohne den Kopf zu verlieren. Etwas, das schwer fällt, angesichts der Emotionen, die einen hier förmlich überfluten.


Heute habe ich mich im Camp "Better Days for Moria" mit einer Frau getroffen, die selbst Jesidin ist, seit vielen Jahren in Deutschland lebt und nun als Volonteer im Camp jesidische Flüchtlinge betreut. Ganz verzweifelt erzählte sie mir von der aktuellen Situaton im Hafen von Mytilini. Dort warteten wohl Flüchtlinge, die bereits registriert waren und ihren Weg Richtung Festland fortsetzen wollten, ganz verzweifelt auf das Einchecken und auf die Abfahrt der Fähre. Diese stand allerdings seit morgens unbeweglich im Hafen und es war nicht abzusehen, wann sie auslaufen würde. Als ich im Hafen ankam, war es 17 Uhr. Es war kalt, der Wind blies mit Stärke 7 und die Menschen warteten im Freien bereits seit vielen Stunden. Behelfsmäßig hatte man ihnen eine Plane gespannt, was bei dem Wind und dem Regen nicht wirklich eine Verbesserung brachte.

Wie so oft in den letzten Tagen, nahm ich mich einen Moment heraus, um mir ein Bild zu machen. Einfach nur zu beobachten. In die Gesichter zu sehen, die Stimmung zu spüren. Dank meiner Begleitung konnte ich mit den Menschen ins Gespräch kommen, meinen optischen Eindruck mit Gesagtem füllen. Geschichten aufnehmen, in Leben eintauchen.

Als ich eine halbe Stunde später wieder im warmen Auto saß, einfach davon fahren konnte, ist mir schlagartig etwas klar geworden. Ich, die bislang der Meinung war, dass wir alle, die kommen, aufnehmen können, wusste plötzlich, dass das nicht der Weg sein kann. Was muten wir diesen Menschen zu? Was ist das für ein Wahnsinn, dem wir da zuschauen? Warum steht diese Weltgemeinschaft nicht geschlossen auf und sorgt dafür, dass dieser verdammte Krieg endlich ein Ende hat?

Neulich warf mir jemand vor, naiv und unwissend zu sein. Ich würde die Zusammenhänge der großen Politik nicht verstehen. Ja mag sein, dass mir da ein paar Puzzleteilchen fehlen, aber für mich steht etwas anderes im Vordergrund. Ich frage mich, warum wir in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, in allen Ländern der Gemeinschaft nicht alle an einem Strang ziehen. Egal welche Gesinnung, egal welche Partei. Gemeinsam dafür sorgen, dass dieser Krieg beendet wird. Anders können wir den Zustrom der Flüchtenden nicht stoppen. Wie gestern schon geschrieben: Grenzen und Mauern werden uns nicht helfen. Und den Menschen, die fliehen schon gar nicht. Warum also gehen wir nicht gemeinsam auf die Straßen und fordern die Regierungen auf, zu handeln?

Das wäre etwas, was zu schaffen ist. Damit Nisan, die Mutter mit ihren drei Kindern, deren Geschichte ich noch erzählen werde, gar nicht mehr fliehen muss! Damit sie in ihrem Land bleiben kann, keine Höllenfahrt auf sich nehmen, keine Balkanroute bewältigen muss, alles in der Hoffnung für sich und die Kinder ein besseres Leben zu finden. Passend dazu las ich heute einen Artikel in der ZEIT. "Und die ganze Welt schaut zu." so der letzte Satz. Schau Du nicht auch zu. Lass uns was bewegen. Etwas Großes, das da FRIEDEN für SYRIEN heißt. Keine Idee wie, aber eins habe ich hier gelernt: Es gibt immer einen Weg!

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