Mittwoch, 24. Februar 2016

Nisan und die Kinderaugen




Als ich heute die Meldung gelesen habe, dass der AfD-Vize Alexander Gauland dafür plädiert, umgehend die Grenzen zu schließen, hat mich das nicht bewegt. Zu oft gehört, zu polemisch, nichts Neues. Was er allerdings danach von sich gegeben hat, das hat mich dann schon wachgerüttelt, denn es sprengt für mich jedes Maß. Es zeugt von Verrohung, Kaltschnäuzigkeit und absoluter Empathielosigkeit und man muss sich fragen, in welcher Kältekammer die Herzen dieses Mannes und seiner Gesinnungsgenossen wohnen.


Mit in die Kerbe von Gauland schlugen heute auch die Westbalkanstaaten und Österreich, die sich auf dem Flüchtlingsgipfel in Wien mit einer "Kampfansage" gegen die Politik der offenen Grenzen ausgesprochen haben. Wahrscheinlich mit derselben Haltung wie sie auch Gauland zur Schau trägt: Die grausamen Bilder müsse man eben aushalten. Und was zählen schon traurige Kinderaugen.

Lass mich Dir von Nisan erzählen. Einer Jesidin, die ich in Mytilini auf Lesbos getroffen habe und die gemeinsam mit ihren drei Kindern und ein paar anderen Frauen aus dem Nordirak geflohen ist. Als ich ihr begegnete, saß sie im Hafen und wartete bei Sturm, Regen und Kälte bereits seit dem Morgen auf ihre Abfahrt nach Athen. Die Fähre konnte nicht auslaufen, es gab keine Begründung, keine Informationen. Die Menschen harrten einfach aus und hofften, dass es irgendwann ein Signal geben würde. Viele von denen, die warteten, waren krank. Kinder husteten, manche lagen auf dem kalten Boden, notdürftig eingehüllt in Decken, die eine Hilfsorganisation bereitsgestellt hatte.

Nisans Heimat ist der Nordirak, ihre Religion ist das Jesidentum - die Ursprungsreligion der Kurden, heute jedoch eine von vielen Seiten verfolgte Minderheit. Teufelsanbetung wirft man ihnen vor, weil sie nicht Gott, sondern einen Engel anbeten und man rechtfertigt damit Massaker, Vertreibung und Besatzung. Was für ein Wahnsinn. Seit Jahren verfolgt der IS die Jesiden, mordet im Namen irgendeines Gottes. Vergewaltigt Frauen, ermordet Kinder, foltert Männer. Aber nicht nur der IS, auch andere radikal muslimische Gruppen verfolgen und bedrohen die Jesiden. 2014 harrten Tausende von ihnen im Sindschar-Gebirge, das den Nordirak von Syrien trennt,  aus – umzingelt von Kämpfern des IS - ohne Wasser, ohne Nahrung, bei Temperaturen um die 40 Grad Celsius. Wie viele von ihnen gestorben sind? Man weiß es nicht.

Und auch wenn sich die Lage heute etwas entspannt hat, sicher sind die Jesiden nicht. Darum wollte Nisan fort. Ihren Kindern eine Zukunft geben. Auch sie ist über das Sindschar-Gebirge geflohen. Acht Tage hat sie gebraucht. Acht Tage fast ohne Nahrung und immer mit der Angst im Rücken, doch von IS-Kämpfern erwischt und getötet zu werden. Dann Syrien. Die Bomben, die Angriffe. Über die Türkei und letztendlich mit einem Schlauchboot über die Ägäis haben es Nisan, ihre drei Kinder und die anderen geschafft, nach Europa zu kommen. Ich frage Nisan nach ihrem Mann. Der wurde getötet, übersetzt mir die Dolmetscherin. 4800 Euro hat sie für sich und die Kinder an die Schlepper gezahlt. Das Boot wurde abgefangen, zurück in die Türkei geschickt. Sie brauchten einen zweiten Anlauf und diesmal klappte es. Verprügelt hat man sie in der Türkei, erzählte Nisan und blickte zu beschämt zu Boden. Ich frage mich, was sie wohl sonst noch erlebt hat und warum der Engel kein Schutzengel war. Warum diese Frau und all die anderen solche Qualen erleiden mussten.

Wir sollen uns von Kinderaugen nicht erpressen lassen, Herr Gauland? Ich schäme mich abgrundtief für solche Aussagen. Ich schäme mich für all jene, die das Recht auf Asyl in ihren Gesetzen verankert
haben und nicht willens sind, den Menschen, die es wirklich brauchen, eine Zuflucht, eine neue Heimat zu geben. Es macht mich sprachlos, mit wie viel Arroganz und Kälte hier agiert wird, angesichts einer Katastrophe, die maßgeblich von den reichen Ländern dieser Erde initiiert wurde. Dass gerade die jetzt die Arme verschränken und ihre Gefühle verschließen, das ist eine Entwicklung, für die ich nicht mal mehr die richtigen Worte finde.

Vielleicht zum Abschluss noch ein paar Sätze zu Griechenland. Dieses Land wuppt den Zustrom der Schutzsuchenden seit mehreren Monaten. Dafür muss es sich von einigen aus den Reihen der EU noch kritisieren lassen. Ich persönlich bin glücklich darüber, dass Nisan mit ihren Kindern für ein paar Tage in Griechenland war. Auch wenn dort sicher nicht alles optimal abgelaufen ist. Aber wenigstens war es menschlich.

Ich weiß nicht, wo Nisan, ihre Kinder und die anderen Frauen jetzt sind. Ich wünsche Ihnen aber von Herzen, dass sie ihren Frieden finden. Dass sie an einem Ort ankommen, der ihnen vielleicht sogar Heimat sein kann. Ohne IS, ohne Fundamentalisten, ohne Angst vor Verfolgung und Hass. Ich möchte diese Kinderaugen und die der Frauen wieder lachen sehen! Und nein, Herr Gauland, ich lasse mich nicht von Ihrem Hass erpressen.





Nisans Begleiterin






Noch eine starke Frau

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