Freitag, 19. Februar 2016

Lesbos und die Menschlichkeit

Für mich war die Woche auf Lesbos der erste Griechenlandaufenthalt meines Lebens. Ich hatte viel gehört, Urlaubsgeschichten, Politisches, Kulturelles. Von den faulen Griechen war oft die Rede, von Arroganz, aber auch von Armut und Gastfreundschaft. Nun durfte ich mir ein eigenes Bild machen und ich will Dich teilhaben lassen, an dem, was mir begegnet ist.


Lesbos ist eine wunderschöne Insel. Ein Paradies für Wanderer, für Rucksacktouristen, für Meeresliebhaber, Taucher. Hier hatten die Götter ihre Hand im Spiel, dachte ich schon auf den ersten Metern, die ich mit Nikos fuhr. Olivenhaine, Pinien, blühende Mandelbäumchen, Salzfelder auf denen Flamingos stehen und im Hintergrund die Berge. Ich war sofort verzaubert. Im Sommer liegt über der Insel ein Duftgemisch aus Rosmarin, Lavendel und Thymian. Und obwohl das alles da ist - die Berge, das Meer, die pitoresken Hafenstädtchen, schwebt ein anderer Geist über Lesbos.

Als ich mit Nikos Richtung Norden fuhr, erzählte er mir von der Zeit, als die ersten Schutzsuchenden hier landeten. Es waren nicht zehn, Hundert oder Tausend, nein - es waren Tausende, die sich im September und im Oktober über das Meer gewagt haben. Meist kamen sie im Norden an und wanderten dann zu Fuß bis in die Hafenstadt Mytilini. Wir kennen solche Bilder aus dem zweiten Weltkrieg, Menschenschlangen, die sich scheinbar unendlich durch Landschaften bewegen. Die natürlich Müll hinterlassen, die das Gesicht dieser Insel von heute auf morgen verändert haben.

Für jene, die vom Tourismus leben, war und ist das eine Katastrophe. Lesbos ist nicht groß. In drei Stunden ist man mit dem Auto vom Norden in den Süden und wieder zurück gefahren. Für die rund 86.000 Bewohner der Insel, die ohnehin unter dem rigiden Spardiktat leiden, ist die Situation eine tägliche Herausforderung. Und doch meistern sie es. Das hat mich wirklich beeindruckt. In Deutschland wird gejammert, in Berlin - einer Weltstadt - bricht angesichts der hohen Flüchtlingszahlen das Chaos aus und auf Lesbos, dort, wo wirklich fast alle landen, schaffen die Inselbewohner es, mit dieser Herausforderung klarzukommen. Natürlich mit Hilfe, aber es klappt.

Ich habe das Miteinander von Bewohnern und Helfern als eingespielt erlebt. Die Hotels, die normalerweise über den Winter geschlossen haben, sind nun für die Volonteers aus aller Welt geöffnet. Die Hilfsorganisationen helfen, die Strände wieder zu reinigen, während die Griechen, denen, die helfen, auf ihre Art ihre Dankbarkeit zeigen.

Auf Lesbos regiert die Menschlichkeit. Das, was Angela Merkel sich für Europa wünscht, ist dort längst Realität. Mich hat das sehr berührt und besser hätte mein erster Griechenlandaufenthalt nicht sein können. Natürlich gibt es auch auf Lesbos jene, die Profit aus der Situation schlagen. Jene, die die Motoren der ankommenden Schlauchboote sofort abbauen und sie wieder in die Türkei verkaufen. Aber Geschäftemacher gibt es überall. Insgesamt trübt das meinen Eindruck nicht und sollte der nächste Preis für gelebte Menschlichkeit vergeben werden, dann schickt ihn bitte nach Lesbos.







Der Nordosten von Lesbos















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