Dienstag, 9. Februar 2016

Etwas Besseres als den Tod findest du überall

Die Nachricht vom Tod von Roger Willemsen und die Anweisung, dass ich Teil des Teams sein sollte, das ab 1Uhr nachts einen Strandabschnitt von Lesbos zu bewachen hatte, kamen gleichzeitig auf meinem Handy an. Für kurze Zeit mischten sich die Gefühle. Wie so oft in den letzten Tagen. Traurigkeit darüber, dass schon wieder einer der ganz Großen uns verlassen hat, Freude über das eigene Leben, dazu die fast schon alltägliche Verwunderung angesichts der globalen Ereignisse, die auf Lesbos so brachial zur Wirklichkeit werden.


Seit vier Tagen bin ich nun hier. Habe die Insel besichtigt, die Camps gesehen, in denen die Flüchtlinge registriert und zunächst untergebracht werden. Ich habe zwei Tage lang geholfen, Strände von Müll zu befreien, habe auf einer Deponie, die sie hier nur den Schwimmwestenfriedhof nennen, gestanden und geweint. Wenn ich die erste Hälfte meiner Zeit hier zusammenfassen sollte, dann habe ich alles in allem meinen Alltag gegen das Leben eines Volonteers eingetauscht. Unberechenbarkeit statt Routine. Machen statt Zuschauen. Staunen statt Belanglosigkeit. Und immer in dem Bewusstsein, dass man nicht weiß, was im nächsten Augenblick wichtig sein wird, weil es zwar Regeln gibt, aber trotzdem keine Gewissheit. Kommen drei Boote? Dreißig? Bleibt es dabei, dass die Küstenwache patroulliert, die Flüchtlinge von den Booten, die sich bereits in griechischen Gewässern befinden, aufnimmt und sicher in den Hafen geleitet? Oder kommen doch ein paar Boote durch? Hochseeuntaugliche Schlauchboote besetzt mit 30, 40 oder auch mal 60 Menschen, für die der riskante Weg über das Wasser der einzige Ausweg scheint, dem Krieg und dem Horror, den sie erlebt haben, zu entkommen.

Als ich letzte Nacht am Strand stand und gegen 6 Uhr morgens die ersten Boote anlandeten, fiel mir Roger Willemsen wieder ein. In all dem Getümmel habe ich kurz überlegt, wie es ihm hier wohl gegangen wäre. Ihm, der so begabt war, dem Tod Leben einzuhauchen. Ihm, der immer die richtigen Worte parat hatte. Mir haben sie heute Morgen gefehlt. Als die Frauen, die Kinder und die Männer auf dem ersten Boot so dicht am Strand waren, dass ich ihnen in die Augen schauen konnte, fühlte es sich so an, als ob mein Herz für einen Moment aufhört zu schlagen. Dabei lief alles glatt. Die Rettungsschwimmer zogen das Boot an Land, wir bildeten eine Gasse, Babys und Kleinkinder wurden per Menschenkette von Arm zu Arm ans sichere Ufer gebracht, wo alles schon bereit stand. Tee, warme Sachen, Rettungsdecken. Die Helfer aus Japan, Schottland, Spanien, Norwegen, der     Schweiz und Deutschland arbeiteten Hand in Hand. Die, die schwach waren, wurden versorgt, wer nass war bekam neue Kleider, wer hungrig war, konnte essen. Wie die Zahnräder eines Uhrwerks griff alles ineinander und trotzdem hätte ich mir gewünscht, einen wie Willemsen an meiner Seite zu haben, der für das, was mich so überwältigt hat, die richtigen Worte gehabt hätte.

Nun muss ich sie selber finden und es fällt mir verdammt schwer, weil mir, sobald ich versuche, in die Tiefe zu gehen, dorthin wo die Fassungslosigkeit sitzt, sofort die Tränen in die Augen steigen. Es ist nicht mehr die Wut darüber, dass in Deutschland und in anderen Ländern Menschen leben, die auf Flüchtlinge schießen würden. Die Unterkünfte anzünden, Mauern bauen, Stacheldraht ziehen, hetzen und pöbeln. Das stand im Vordergrund, als ich zuhause war. Hier überwiegt etwas anderes. Das war schon da, als ich auf dem Schwimmwestenfriedhof stand und mir der Abstand, den man hat, wenn man solche Bilder nur im Fernsehen oder auf Facebook anschaut, plötzlich fehlte. Dort war klar, dass in jeder Weste ein Mensch steckte, für den die Fahrt über das Meer, die das Leben kosten konnte, offensichtlich der einzige Ausweg war. Wie sagt der Esel im Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" zum Hahn? "Etwas Besseres als den Tod findest du überall."

Und jetzt, da ich darüber schreiben kann, wird mir klar, was mich so bewegt hat und bewegt. Es ist zum einen die Todesangst, die sowohl beim Anblick der Westen auf der Deponie, als auch in den Augen der ankommenden Flüchtlinge heute Morgen abzulesen war. Ich habe so etwas noch nie zuvor so wahrgenommen. War noch nie so dicht dran. Es gab einen Moment, wo mir schlagartig klar wurde, dass diese Menschen nichts mehr aufhalten kann. Sie haben alles verloren, bis auf ihr Leben und an das klammern sie sich, so wie Du und ich es auch tun würden. Dafür nehmen sie alles in Kauf. Die Flucht, die Lager, den Hunger, die Kälte, das Risiko. Und das ist die andere Seite. Du kannst Dir nicht vorstellen, was das für eine Kraft ist. Wie sich Todesangst in Wille verwandelt. Ihr könnt noch so hohe Mauern bauen, Zäune mit Stacheldraht ziehen. Diese Menschen wird nichts aufhalten. Sie sind verzweifelt, sie sind schwach, einige waren krank, die Kinder teilweise sichtlich traumatisiert. Aber alles ist besser als der Tod.

Ich habe heute wieder etwas über das Leben gelernt. Vielleicht die wichtigste Lektion. In uns steckt so viel Kraft, so viel Mut, so viel Lebenswille. Wir können unser Schicksal in die Hand nehmen. Jederzeit. Und trotzdem hat das Leben manchmal andere Pläne. Ruhe in Frieden Roger Willemsen und vielleicht beobachtest Du ja jetzt von oben jene, die es heute über das Wasser geschafft haben und ihren Weg fortsetzen können. Ich weiß, das würde Dich freuen.











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