Samstag, 13. Februar 2016

Die Realität und ich

"Du bist meine Heldin!" schrieb mir neulich jemand, als ich ihm davon erzählte, dass ich nach Lesbos fliegen will, um dort als Volonteer die Hilfsorganisation Swizerchrüz von Michael Räber zu unterstützen. Seit gestern bin ich nun zurück und als ich heute morgen am Frühstückstisch saß, fühlte ich mich so gar nicht heldenhaft. Im Gegenteil. Ich saß wie ein Häufchen Unglück in meiner Küche und habe geweint.




Es gibt einen netten Spruch, der das, was ich erzählen will, wenigstens ansatzweise zusammenfasst.

"Alkohol und Drogen sind was für Anfänger. Ich zieh mir die Realität rein." 

Lesbos ist Realität. Und zwar ziemlich ungeschminkt. Auch wenn in den Tagen, als ich dort war, nicht mehr Hunderte Boote an der Küste anlandeten, sondern in meinem Beisein nur vier. Auch wenn im Camp "Better Days for Moria" momentan mehr Helfer als Flüchtlinge herumwuseln. Auch wenn man auf den Straßen nicht mehr die Bilder sieht, die noch im Oktober alltäglich waren: Menschen, die sich wie in einer Ameisenstraße Richtung Mytilini bewegten. Ein Treck Verlorener, Heimatloser, Verlassener.

All das ist nach wie vor spürbar. Dafür muss man nicht einmal besonders feinfühlig sein. Wenn man es dann doch ist, lassen sich das Spürbare und die Realität zeitweise schwer aushalten. Dann kriecht einen das Unrecht dieser Welt mit aller Wucht an. Dann würde man derweil gern schreien, um sich schlagen, mit den Fäusten gegen die Wand hämmern. Den Anblick der Kinder, die apathisch aufs Meer starren und überhaupt nicht wissen, wie ihnen geschieht, den werde ich nicht mehr vergessen. Die Bilder der Menschen, die wirklich nichts haben, bis auf ein kleines Bündel, eine Tasche, einen Rucksack, die durchgefroren und mit teils nassen Klamotten an Land kommen und es trotzdem noch schaffen zu lächeln, die werden mich auf ewig begleiten. Die Geschichten der Flucht, des Krieges, der Bomben, der Gräueltaten, die diese Menschen erlebt haben, all das sitzt mit in den Booten, schwappt mit jeder Welle an die Küste und steckt in jeder Schwimmweste, die am Strand liegen bleibt und verrottet.

Kein Wunder, dass ich in der Woche viel mehr Schokolade als üblich gegessen habe. Kein Wunder, dass ich abends ein Glas Wein mehr getrunken habe, als sonst. Dass die, die Raucher waren, weit mehr geraucht haben und jene, die eigentlich gerade aufgehört hatten, auf Lesbos wieder zur Zigarette greifen mussten. Kein Wunder, dass jeder Volonteer, der mit dem Auto von A nach B fahren musste, Geschwindigkeit als Ventil nutzte. Ich habe mich einmal mit dem Wagen in einer Kurve um 180 Grad gedreht. Glücklicherweise war außer mir niemand unterwegs und das Auto blieb in der Mitte der Fahrbahn stehen, statt den Hang hinunterzurutschen. Eine heilsame Schrecksekunde, die mir gezeigt hat, dass Realität ein gnadenloser Geselle ist, der uns schnell aus der Bahn werfen kann.

Lebe ich wirklich in einer so kranken Welt? Wie kann es sein, dass Menschen so herz- und gewissenlos sind? Wie können wir zulassen, dass so viele fliehen müssen? Wie kann es sein, dass die träge Masse schafsgleich desinteressiert lieber das eigene Schicksal bejammert, statt die Not der anderen zu sehen und ihr mit Empathie zu begegnen? Die Tragik der Realität ist, dass die Fragen nicht weniger, sondern mehr werden. Dass das Unverständnis steigt, die Verzweiflung angesichts der eigenen Hilflosigkeit. Auf Lesbos konnte ich wenigstens zupacken. Strände reinigen, Menschen die Hand reichen. Hier zuhause muss ich die Erinnerung und die Fragen aushalten. Das wird wohl noch seine Zeit brauchen, bis mich der Alltag wieder eingeholt hat. Vielleicht packe ich aber auch vorher meinen Koffer, um an einem anderen Platz dieser Welt weiterzumachen, statt wieder nur Zuschauer zu sein. Das ist nicht heldenhaft. Das ist eher der verzweifelte Versuch, nicht den Verstand zu verlieren, weil ich das Gefühl habe, immer weniger zu begreifen, je tiefer ich in das Mysterium Leben eintauche.

Dabei ist es am Ende wahrscheinlich alles gar nicht so schwer zu verstehen. Leben heißt Dualität. Dort wo Licht ist, gibt es auch Schatten und all das, was wir im außen sehen, existiert auch in uns. Was wie eine esoterische Floskel klingt, hält bei näherer Betrachtung stand, denn vielleicht erzeugt ja gerade das die Verzweiflung. Möglicherweise weine ich gar nicht über das Böse der Welt da draußen, sondern betrauere in Wirklichkeit eher die Tatsache, dass es das Dunkle, das Unberechenbare, die Gier, den Hass und die Wut auch in mir gibt. Wer sich der Realität stellt, begegnet am Ende sich selbst. Der schaut in einen Spiegel und zuweilen sieht das Bild eben wenig schmeichelhaft aus.

Nicht, dass Du mich falsch verstehst. Das ist kein Grund in Dramatik und Selbstzerfleischung zu verfallen. Aber wenn wir wirklich nach einem Weg aus den Krisen dieser Welt suchen, dann kommen wir nicht umhin, uns mit den eigenen Wahrheiten zu befassen. Mit unserem Kleingeist, unseren Ängsten, unseren Schattenseiten und unserer Größe. Dann müssen wir uns der Realität im Kleinen stellen. Der Frage, wie wir mit uns umgehen, wie viel Liebe, Empathie, Verständnis wir für uns selbst aufbringen. Wo in mir fühle ich mich verloren, heimatlos, vertrieben? Wen bombadiere ich, wen versuche ich zu beherrschen? Wer die Welt verändern will, der sollte bei sich anfangen. Dass das ist kein Kalenderspruch ist, war mir noch nie so klar wie nach dieser Woche.

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Kommentare:

Ina Oettinghaus hat gesagt…

Liebe Jeannette, vielen Dank für deine Gedanken die du mit uns teilst. Das brauchen wir um in diesen Schrecken nicht den Weg der Verdrängung zu gehen. Ich wünsche dir in diesen Tagen aber auch Momente in denen deine Seele erfrischt wird.....lg,ina

Marion Vrenegor hat gesagt…

Hallo Jeanette, du bist mutig -gehst raus, stellst dich den Fragen des Lebens. Und gibst vielen Menschen Anworten und Anstöße.💜 💜💜

Jeannette Hagen hat gesagt…

Vielen Dank Ina und Marion!!! :-)