Montag, 22. Februar 2016

Clausnitz und die Macht der Gefühle

Seit zwei Tagen regnet es fast ununterbrochen. Ich schaue aus dem Fenster, sehe die grauen Wolken, die tief über den Dächern hängen und denke, dass es ein Leichtes wäre, sich der Schwermut hinzugeben, das Elend dieser Welt in das eigene Wohnzimmer zu holen und die Ereignisse der letzten Tage wie einen Hefeteig aufquellen zu lassen.


Täglich bekomme ich Bilder und Videos auf mein Handy. Flüchtende, die aus Booten steigen. Die zwischen Euphorie und Trauma taumeln. Daneben die Bilder aus Sachsen. Ein aufgepeitschter Mob, unter dem sich mit Sicherheit auch welche finden lassen, die für die nächste Stufe der Eskalation bereit wären. Die auch morden würden. Wir wissen das alle. Und darum will ich nicht wegschauen. Ich will auch den Chat nicht abstellen, in dem sich beinahe stündlich immer neue Bilder von Fluchtszenen sammeln.

Warum ich Dir das erzähle? Weil ich überzeugt davon bin, dass das Verständnis einer gesellschaftlichen Situation über das Verstehen des Individuums läuft. Weil ich glaube, dass wir angehalten sind, genauer und differenzierter hinzuschauen, als wir es derzeit tun. Und weil wir mehr über uns erzählen sollten. Darüber, was uns bewegt. Wie es in uns aussieht. Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann reicht es nicht mehr, mit dem Finger auf die Gegenseite, auf das "Böse" zu zeigen. Das wäre so, als würde ich die Wolken dafür anklagen, dass sie die Sonne verhüllen und Regen bringen. Dabei würde ich außer Acht lassen, dass sich hinter dem, was mir nicht passt, ein fein aufeinander abgestimmter, sinnmachender Prozess verbirgt, an dem sowohl die Sonne als auch die Wolken gleichermaßen beteiligt sind.

Als ich auf Lesbos war und das erste Boot weit draußen auf dem Meer langsam sichtbar wurde, hat mich eine Welle des Glücks überrollt. "Sie schaffen es!" dachte ich immer wieder, während sich der kleine schwarze Punkt unaufhaltsam näherte. Ab und an blinkte ein Handylicht und bald konnte man die Gesichter erkennen und als ich ein paar Minuten später einen kleinen Jungen auf dem Arm hielt, der das ängstlich und verstört über sich ergehen ließ, da hatte ich das Gefühl, das ganze Glück und zugleich die gesamte Misere dieser Welt in meinen Armen zu halten. Das klingt pompös, ich weiß. Aber es war ein Moment, in dem alles präsent war und sich das große Ganze offenbarte. Eine Sternstunde, wie wir sie in unserem Alltagstrubel selten erleben. Vielleicht hat es mir Lesbos auch deshalb so angetan, weil es wie das Zentrum von allem ist. Auf der einen Seite Krieg, auf der anderen Seite Aggression und mittendrin ein Moment des Verschnaufens, des Ausruhens, des "alles ist". Und das fühlte sich so gut und so richtig an.

Bleibe ich in diesem Modus des Verbindenden und übertrage das mal auf die aktuellen Ereignisse, dann stellt sich mir die Frage: Was unterscheidet mich denn von denen, die in Clausnitz pöbeln? Das sind hirnlose Arschlöcher, denke ich sofort. Tiere, Kotzbrocken. Aber es sind auch Menschen, sagt dann ein zartes Stimmchen. Das stimmt. Aus der Perspektive betrachtet, unterscheidet uns grundsätzlich erst einmal nichts. Wir sind irgendwann geboren, konditioniert, geprägt. Werfe ich aber einen Blick auf die Facebookseite von Lutz Bachmann oder schaue ich mir das Video von Clausnitz an, dann erkenne ich mich darin so gar nicht mehr wieder. Dann schnürt es mir die Kehle zu. Dann könnte ich schnauben vor Wut. Dann würde ich denen, die da grölen, am liebsten in die Eier treten, sie an den Haaren irgendeine verfickte, sächsische Holperlandstraße entlangschleifen, mit dem Kopf ins Klo stecken und und und.

Spannend, denn in dem Moment bin ich nicht besser als sie. Und auch wenn das jetzt Kopfkino ist, so könnte ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass ich nicht im Affekt genau das, was ich gerade beschrieben habe, auch tun würde. Alles natürlich aus dem Gefühl heraus, auf der richtigen Seite zu stehen. Zu wissen, was gut und was böse ist. Komisch, dass die anderen das auch für sich in Anspruch nehmen, oder? Schaut man sich ihre Kommunikation an, dann sieht man: Sie sind von dem, was sie von sich geben und tun, genauso überzeugt, wie es die Nazis damals waren. Sie glauben daran, dass sie im Recht sind. Nicht weniger als ich daran glaube, dass es mein Recht wäre, jemandem, der Flüchtlingen schadet, eins in die Fresse zu hauen. Verbal jedenfalls. Und schon haben wir den Salat.

Und die Lösung? Die ist so komplex wie das Wetter und liegt in dem, was der Psychologe Hans Joachim Maaz mit dem Wort "innere Demokratisierung" beschreibt. Auf den Punkt gebracht, geht es um die Anerkennung, dass alles erst einmal grundsätzlich eine Daseinsberechtigung hat. Ein sehr interessanter Ansatz, den es zu beleuchten lohnt. Denn gerade in der ehemaligen DDR hat dieser Prozess der inneren Demokratisierung sowohl nach dem Zweiten Weltkrieg, als auch nach der Wende nicht vollständig stattgefunden. Hier wurde verdrängt und von oben diktiert, was das Zeug hält. Es ging nicht um den einzelnen Menschen, auch wenn das den Anschein hatte, sondern es ging ausschließlich um die Idee, ein System mit aller Macht durchzusetzen. Dienst für die Sache. Was gefühlt wurde, spielte keine Rolle.

Innere Demokratisierung auf individueller Ebene setzt aber voraus, dass ich meine Gefühle in ihrer Ganzheit anerkenne. Alle Wut, alle Traurigkeit. Dass ich ihnen einen Platz in mir gebe. Tue ich das nicht, führen sie in mir ein Eigenleben, stauen sich an und entladen sich irgendwann. Maaz beschreibt es als einen Gefühlsstau. Unter dem leiden allerdings nicht nur die Clausnitzer Bürger oder jene, die mit Pegida marschieren. Es ist ein grundsätzliches Dilemma unserer Zeit, dass wir nicht ins Fühlen gehen. Neonazis ebenso wenig wie jene, die jetzt schon den Ausschluss Sachsens aus Deutschland fordern. Wir befinden uns meiner Ansicht nach nicht im digitalen Zeitalter, sondern im Zeitalter der Gefühlsverdrängung.

Was uns hier gerade massiv auf die Füße fällt, ist der kollektive Wahn, ja nicht zu zeigen, wie es in uns aussieht. Immer schön die Zähne zusammenbeißen. Immer machen. Immer besser sein als der andere. Bloß nicht anhalten. Die Sachsen hätten viel zu betrauern, denn Ausgrenzung ist ihnen nicht fremd. Sie tun es aber nicht, sondern projizieren ihre eigenen nicht angenommen Gefühle auf die Regierung und die verhassten Flüchtlinge, so wie andere ihre nicht angenommenen Gefühle auf den Chef, den Partner oder die Kinder projizieren.  Du fragst Dich, warum auf dieser Welt kein Frieden herrscht? Weil immer der andere Schuld ist. Und weil das Gefühl der Ausgrenzung auf andere projiziert, wieder Ausgrenzung bewirkt. Das ist der Grund. Immer aufs Neue. The same procedure...

Nicht integrierte Gefühle sind wie Krebszellen. Ein paar davon im Körper sind ok. Häufen sie sich  - und im Laufe eines Lebens kommen ganz schön viele Gefühle zusammen - dann kolabiert das System. Dann handeln wir im Affekt. Prügeln verbal oder direkt auf Wehrlose und Schwächere ein, nutzen andere aus, schaden ihnen, so wie der Krebs sich irgendwann bösartig durch das Gewebe frisst. Möge der den ersten Stein werfen, dem das nicht schon einmal in irgendeiner Form passiert ist. Der nicht den Moment kennt, in dem sich Dr. Jekyll in all seiner Hässlichkeit offenbart.

Was wir dem entgegenzusetzen haben? Gar nichts. Denn es geht nicht darum, dagegen zu sein. Das Konzept funktioniert nicht. Bashing führt zu Trotz. Trotz wird zu Hass. Hass wird zu Gewalt. So agieren wir schon seit Jahrtausenden und es bringt uns immer wieder in eine Sackgasse. Darum ist es an der Zeit, für das, was wir am liebsten verbannen würden, Verantwortung zu übernehmen. Individuell und kollektiv. Dazu müssen wir uns in unsere "Keller" begeben und schauen, wo die Ursachen sitzen, sie ans Licht holen und ihnen Raum geben. Nicht dem pöblenden Mob da draußen, sondern dem in uns. Den Gefühlen von Ohnmacht, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder auch Verzweiflung angesicht der eigenen Lage, der eigenen Biografie oder auch der globalen Ereignisse. Der Schatz liegt immer hinter dem Drachen, so wie sich die Liebe nach einer Enttäuschung oft erst dann wieder zeigt, wenn wir den Schmerz wirklich zugelassen haben. Und wer einmal erlebt hat, was es für eine fulminante Befreiung bedeutet, seine Gefühle ernst zu nehmen, der wird mir beipflichten, dass das der einzige Weg zurück zu unserer Stärke ist. Denn damit verlieren die Gefühle ihre Macht.

Es gibt für das, was wir gerade erleben, keine kurzfristigen Lösungen. Jeder der das erzählt, verlängert den Prozess des Leidens. Natürlich müssen Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden, müssen die Mittel des Rechtsstaates angewandt werden. Das ist aber eine andere Ebene. Wir stehen vor radikalen Veränderungen und es ist an jedem von uns, seinen Beitrag dazu zu leisten, dass der Krebs sich nicht ausbreiten kann. Dass die Gewaltwelle nicht überschwappt. Das, was ich anbiete, ist nicht sexy, ich weiß das. Es kann sogar ziemlich unangenehm sein, den eigenen Monstern ins Gesicht zu schauen. Ich kenne viele, die sich sofort abwenden, wenn sie etwas von "Gefühlen" und "Raum geben" und "annehmen" lesen. Die sich in Sachlichkeit flüchten, um ja nicht Gefahr zu laufen, die Büchse der Pandora mal zu öffnen. Das hindert mich nicht daran, weiter dafür zu plädieren, weil ich einfach sehe, dass alle anderen Konzepte versagen. Das ist mein Beitrag.

Es regnet übrigens immer noch. Aber die Sonne ist da. Ganz sicher. Wenn ich die Augen schließe, kann ich sie fühlen.

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