Dienstag, 2. Februar 2016

Begegnung auf Augenhöhe

Heute gibt es eine großartige Nachricht zu vermelden. Seltsamerweise hat sie es noch nicht in die  Leitmedien geschafft, dabei wäre sie es allemal wert. Griechenland hat vor der Insel Lesbos ein Küstenwachschiff, eine Patroille eingesetzt, die alle Flüchtlinge, die in Schlauchbooten oder in irgendwelchen anderen seeuntauglichen Schiffen unterwegs sind, aufsammelt und sicher an Land bringt. "Safe passage" sozusagen - wenigstens auf der Griechischen Seite. Das heißt: keine toten Kinder, Frauen und Männer mehr. Als ich das gelesenen habe, gab es in mir eine sehr interessante Reaktion.


Denn: Ich war irgendwie enttäuscht. Warum? Weil ich in drei Tagen nach Lesbos fliege, um dort vor Ort Flüchtlingshilfe zu leisten. Seit Wochen schaue ich mir die Bilder an. Entkräftete Menschen, die von Helfern am Strand in Empfang genommen werden. Denen Decken umgeschlungen werden, die getröstet und versorgt werden. Die Helfer von Lesbos waren meine Helden und ich gebe es zu: Ich wollte auch so eine Heldin sein. Und nun das. Offensichtlich werden keine Helden mehr am Strand gebraucht. Etwas, das wirklich grandios, außerordentlich und bemerkenswert ist, eine Tatsache, die so viele Leben rettet, löst in mir für einen kurzen Moment ein Gefühl der Ernüchterung aus. Was für eine abstruse Einsicht, dachte ich mir, angesichts der Nachricht, dass nun keine Menschenleben mehr aufs Spiel gesetzt werden. Und darum kommt sie nun, die spannende Frage, die gerade jetzt, da so viele bis zur Selbstaufgabe anpacken und unterstützen, ruhig auch mal gestellt werden darf:

"Ist Hilfe immer selbstlos?" 

Offensichtlich nicht.

Ich hätte diese Frage bis gestern nicht gestellt. Aber ich bin ein Mensch, der sich selbst gegenüber ehrlich ist und der sich Widersprüche und Ungereimtheiten gern anschaut, statt sie auf andere zu projizieren. Neulich sah ich auf Facebook einen Post, in dem ein Leiter einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von "seinen Jungs" schrieb. Irgendwie ist mir das aufgestoßen. Irgendwie dachte ich: Moment mal, das sind doch nicht "seine Jungs". Die Tatsache, dass er diese Einrichtung betreibt, macht die jungen Männer, die dort leben, doch nicht zu seinem Eigentum.

Mich hat das an einen Kalenderspruch erinnert, der sinngemäß besagt, dass nicht einmal unsere eigenen Kinder uns gehören, sondern dass wir sie eben nur begleiten dürfen. Darum hat mich sein Post richtig geärgert. Aber jetzt weiß ich, was ihn, also den Leiter dieser Einrichtung - wohl unbewusst - dazu bewegt hat, das genauso zu schreiben. Und ich weiß jetzt auch, warum ich an dieser Stelle in Resonanz gegangen bin. Es ist die Identifikation mit einer Rolle. Er will - genauso wie ich das wollte - der Held sein. Der Gutmensch. Der Typ, der alles richtig macht. Der Mutti und Vati gleichzeitig ist. Der Werte vermittelt, Wege planiert. Einer, der Gutes initiiert und menschlich ist. Aufwertung des Ichs durch Hilfe am du.

Ich habe heute etwas gelernt. Meine kleine Enttäuschung darüber, dass ich nun offensichtlich nicht die Heldin sein kann, war eine eindringliche Lektion in Sachen Menschlichkeit. Wir sollten unsere Motivation hinterfragen, bevor wir uns den Superman-Helden-Umhang anziehen und losstürmen. Wir sollten ehrlich mit uns ins Gericht gehen, uns fragen, aus welcher Motivation heraus wir das tun. Natürlich helfen wir anderen - ganz egal ob wir es selbstlos oder selbstbezogen tun. Ich will niemandem unterstellen, dass seine Hilfeleistung weniger wert ist, nur weil er sich damit selbst auch einen Gefallen tut. Und trotzdem ist es, aus systemischer Sicht betrachtet, ein Akt der Überheblichkeit, wenn man den Helden spielt, der eigentlich mehr sich, als die Hilfsbedürftigen im Kopf hat.

Meine Lektion daraus? Natürlich fliege ich am Freitag auf diese Insel. Aber mit dem Wissen im Gepäck, dass ich das auch für mich tue. Nicht nur für die anderen. Ich bin nicht weniger bedürftig als die, die an der Küste von Lesbos stranden. Dass unsere Bedürfnisse auf einer anderen Ebene liegen, spielt keine Rolle. Aber in dem Moment, in dem ich mir das eingestehe, dass es so ist, bewegen wir uns auf Augenhöhe. Und das lässt mich mit einem guten Gefühl nach Griechenland aufbrechen.

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