Donnerstag, 4. Februar 2016

Aufbruch und Nikos

In knapp acht Stunden startet mein Flugzeug Richtung Athen. Bis vor ein paar Stunden war ich noch sehr aufgeregt. In Griechenland gibt es einen Generalstreik und für Lesbos ist eine Unwetterwarnung herausgegeben. Keine guten Voraussetzungen für eine Reise, die ohnehin einen ungewissen Ausgang hat. Aber was schreibe ich - es gibt ja Nikos.


Nikos wird mich vom Flughafen Mytilini auf Lesbos abholen und in den Norden fahren. Dorthin, wo der Schweizer Michael Räber seit Oktober 2015 sein Leben als IT-Berater hinter sich gelassen hat, um Flüchtlingen, die in untauglichen Booten auf der Meerenge zwischen Lesbos und der Türkei unterwegs sind, erste Hilfe zu leisten. Als ich vor ein paar Monaten recherchiert habe, um zu entscheiden, welcher NGO oder privaten Hilfsorganisation ich mich anschließe, bin ich auf ihn gestoßen und hatte spontan das Gefühl, dass das passt. Darum Molyvos, wo ich die nächste Woche verbringen werde und darum Nikos, der mich morgen, wenn es der Streikgott so will, am Flughafen abholen und mich fahren wird.

Ich kenne ihn noch nicht. Aber als ich heute mit Michael Räber die letzten Details per Whatsapp abgesprochen habe und er mir ein Bild von Nikos geschickt hat, wusste ich, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Kennst Du das? Dieses Gefühl, dass Du ein Bild von einem Menschen anschaust und sofort weißt, dass Du ihm vertrauen kannst? So ging es mir, als ich Nikos gesehen habe. Eine gute Seele. Ein Alexis Sorbas, ein Grieche, wie er im Buche steht. Einer, der lächelt und in diesem Lächeln liegt die Welt.

Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht liegt sowieso ein Hauch Romantik über diesem ganzen Unternehmen. Vielleicht brauche ich gerade das um die nächste Woche irgendwie zu überstehen. Ich habe viel gesehen, viel gelesen und ich habe eine Ahnung davon, was mich auf Lesbos erwarten wird. Aber wie das so ist - vor Ort wird das alles noch mal eine ganz andere Dimension haben.

Ich will es mal loswerden: Danke, dass Du mich begleitest. Auch wenn es nur digital statt analog ist. Auch wenn Du nur liest oder schaust, während ich schreibe oder fotografiere. Es bedeutet mir sehr viel. Ich würde diese Reise nicht unternehmen, wenn ich nicht wüsste, dass ich etwas erzählen kann, was Du dann aufnimmst und weiterträgst. In diesem Sinne gibt es nicht nur einen Nikos.

Griechenland erlebt eine Krise ungeahnten Ausmaßes. Das, was wir sehen und hören, ist nur die Spitze des Eisberges. Die absurden Forderungen, die seitens der EU gestellt werden, das Griechenland-Bashing der letzten Jahre, die Flüchtlingsströme, die Armut - all das wird auf mich einwirken und ich bin glücklich, dass es einen Kanal gibt, um das weiterzutransportieren oder zu übersetzen.

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