Donnerstag, 7. Januar 2016

Meine Meinung, deine Meinung

Als ich gestern - nachdem ich gefühlt den kompletten Tag damit verbracht hatte, Medienberichte, Statements und Meinungen zum Thema Köln zu lesen und mich mit anderen darüber auszutauschen - meinen Mann fragte, was er darüber denkt, war seine Antwort: "Köln? Was meinst Du?" Ich war völlig verdutzt. Während ich also, wirr im Kopf und genervt von den vielen unqualifizierten, teils dämlichen Beiträgen und Hohlbirnen-Kommentaren war, lebte er in einer heilen Welt.


Großartig. Mein Mann ist Medienverweigerer. Kein Ignorant, sondern einfach jemand, der sich weder bei Facebook, noch bei Twitter, noch in irgendeinem anderen sozialen Netzwerk aufhält. Sein Handy benutzt er ausschließlich zum Telefonieren und um Textnachrichten zu verschicken und unser Tablet dazu, meine Töchter im Billard zu schlagen. Tagesschau sieht er eher selten, weil das die Zeit ist, in der wir meist gemeinsam am Tisch sitzen und essen. Natürlich habe ich ihn gefragt, warum er sich verweigert. Schließlich muss man doch mitreden können. Sich einbringen. Eine Meinung haben. Muss man? ist seine Antwort. Dazu eine Geschichte.

Teil 1

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Da der legale Erwerb oder Besitz von Tonträgern aus dem Westen für uns quasi kaum möglich war, es sei denn, man hatte eine Oma, die gern schmuggelte, haben wir - so auch ich - diverse Sendungen, die im kapitalistischen Westradio liefen, aufgezeichnet. Ich war ein großer AFN-Radio und RIAS Berlin Fan und so füllte ich diverse Kassetten mit Songs, Beiträgen und ganzen Sendungen, um sie wieder und wieder zu hören.

Teil 2

Ich fahre einen Toyota Yaris. Ein steinaltes Auto, das wahrscheinlich das einzige auf diesem Planeten ist, welches noch einen Kassettenrekorder fest im Amaturenbrett eingebaut hat. Ihr wisst schon, so ein Teil, wo die Dinger reinkommen, die man mit einem Stift vorspulen kann. Jedenfalls liegen in meinem Auto diverse Kassetten und neulich kramte mein Mann aus dem hintersten Winkel der Schublade unter dem Beifahrersitz eine raus, die nicht beschriftet war und steckte sie in das antiquare Abspielgerät. Und - welche Freude: Es war eine von jenen Kassetten, die ich irgendwann - siehe Teil 1 - mal aufgenommen hatte. Sauberer Funk zum Grooven. Irgendwann endete die Sendung und es kamen Nachrichten. Es ging um den Golfkrieg, um innerdeutsche Dramen, dazu diverse Meldungen aus dem Ausland. Im Grunde unterschieden sich diese Nachrichten in nichts von denen, die wir heute hören. Krieg, Wirtschaftskrise, was ist sonst so los und anderes Gedöns. Ich glaube, würde man diese Nachrichten heute im Radio abspielen, wir würden es nicht einmal merken, dass sie aus einer anderen Zeit stammen.

Nun zurück zu meinem Mann und seiner Weigerung den Meinungshype mitzumachen. Ein Grund dafür ist, dass ihm seine Arbeit gar nicht die Zeit lässt, sich stundenlang durch das World Wide Web zu klicken. Ein weiterer, dass Technik ihn schon immer genervt hat und allein die Tatsache, dass er sich irgendwo anmelden müsste, seine Nackenhaare aufstellt. Der eigentlich entscheidende Grund ist allerdings ein Argument, dass ich mehr und mehr - insbesondere nach den letzten Tagen - unterstreichen kann. Es ist die Frage, warum heutzutage jeder zu allem etwas sagen muss und warum man sich überhaupt damit auseinandersetzen soll, vor allem, wenn man kein bisschen in die Sache involviert ist. Was habe ich gestern gelesen?

Beschwere Dich nicht über Zustände, die Du selbst nicht ändern willst.

Was für ein großartiger Satz. Jakob Augstein hat es heute auf Facebook noch etwas ausführlicher auf den Punkt gebracht: "Immer häufiger unterschreitet die Reaktionszeit der Öffentlichkeit die Frist, die ein kluger Gedanke braucht. Und so kurz wie ein Tweet ist, so tief sind heute oft die politischen Analysen." Das trifft auf Politiker genauso zu, wie auf die meisten normalen Socialmedia-User.

Etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit unserem Mitteilungsbedürfnis würde uns wahrscheinlich allen gut tun. Man muss sich ja nicht vollkommen verweigern, wie mein Mann. Aber das Rad der Geschichte dreht sich weiter. Vieles, über das wir uns heute aufregen, ist morgen vergessen. Hysterie bringt uns keinen Deut weiter. Sie beendet keine Kriege, sättigt keine Kinder und schon gar nicht ist sie geeignet, um politische Zustände zu verändern. Wir haben nichts davon, dass es mittlerweile wohl 1.000.000 Beiträge zu den Ereignissen in Köln gibt. 1.000.000 unterschiedliche Meinungen und alle pachten für sich die Wahrheit. Das ist keine Aufklärung. Weder im einfachen, noch im doppelten Sinne. Wir sind keine aufgeklärte Gesellschaft mehr, wir sind eine hysterische Gesellschaft. Die Frage ist doch wirklich: Müssen wir uns das alles reinziehen? Müssen wir wirklich wissen, was die Polizei, die Politik, die Betroffenen, der Freund auf Facebook, der Follower auf Twitter zu sagen haben? Statt uns im Netz aufzurauchen und aufzupeitschen, sollten wir uns besser im realen Leben umschauen.  Anpacken. Oder Durchatmen. Und vielleicht mal wieder eine Kassette hören.

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1 Kommentar:

Evy hat gesagt…

Gute Frage :-) Ich finde es grundsätzlich gut, dass wir darüber reden. Und... das Mitteilungsbedürfnis ist da, egal, ob wir es ausleben oder nicht. Daher finde ich es nicht schlimm, dass man öffentlich darüber redet. Und ich denke, es müssen Ängste da sein, sonst würde das Thema nicht so stark thematisiert. Vielleicht haben wir Angst, die Kontrolle zu verlieren und manche fühlen sich auch wehrlos?

Was mich ärgert ist, dass die Medien denken, Informationen seien alles und dass der Leser über alles informiert werden WILL. Dabei lassen sie ihre Verantwortung außer acht. Es wird eine Drohkulisse erzeugt und das finde ich beängstigend. Die Medien zeigen uns ständig, wie gefährlich andere Menschen sind. Es wäre schön zu lesen, wie stark Menschen selbst sind.