Sonntag, 10. Januar 2016

"Manchmal da brauch ich...

nur das Meer" singt Purple Schulz. Kaum ein Lied, das mir so aus der Seele spricht. Wenn wir auf Facebook befreundet sind, dann hast Du es vielleicht schon gelesen - einer meiner Vorsätze für das Jahr 2016 lautet: NOCH öfter an die Ostsee fahren. Denn die Ostsee ist "mein" Meer. Mein Ort, der alles kann. Mich beruhigen, mich beleben, mich auffangen, mich wegspülen, mich ich sein lassen und mich auf neue Wege bringen.


Darum bin ich so häufig dort. An unterschiedlichen Stränden. Mal Hiddensee, mal Darß, mal Schleswig-Holstein, mal Festland Mecklenburg-Vorpommern. Und überall gibt es diesen einen faszinierenden Moment. Der Weg über den Strandzugang, der Augenblick, wenn sich das Wasser plötzlich zeigt. Wenn das Fenster sich öffnet und die See sich ausbreitet. Mit ihrem weißen, teils schon karibisch anmutenden Strand. Mit ihren Dünen, Buhnen und dem ganz eigenen Geruch nach Salz, Schlick und Sand. Ich könnte niederknien, Freudentänze tanzen, jauchzen - jedes Mal. Immer wieder. So lange ich denken kann.

Die Ostsee ist mein magischer Ort. Und wenn es mir so geht, wie in den letzten Wochen, dann ist sie mein Zufluchtspunkt. Der Platz, an dem alles sein darf und alles vergeht. Köln, Vatergeschichten, Mütterthron, Dumpfbackentum, Politikversagen und Rassismus. Alles, was mich bewegt, verschwimmt im blaugrünen Wasser oder fliegt mit den Möven einfach davon.

Wenn es ganz schlimm ist - und diesmal war es ganz schlimm - dann brauche ich neben der Ostsee noch ein bestimmtes Buch. Vielleicht lachst Du jetzt, oder schüttelst den Kopf. Vielleicht nickst Du aber auch und weißt ganz genau, warum ich mit diesem Buch reise. Neale Donald Walsch's "Gespräche mit Gott" ist meine Ostsee in Buchform. Ich habe eine Ausgabe, in der alle drei Bände enthalten sind und letztes Wochenende habe ich damit begonnen, den zweiten Teil noch einmal zu lesen. In diesem Abschnitt geht es um unser kollektives Bewusstsein und im Grunde darum, warum wir nach so vielen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte immer noch nicht verstanden haben, dass Gewalt, Hass und Krieg uns keinen Schritt voranbringen, ja - niemals die Lösung sein können. Wie schreibt Walsch in der Einleitung:

"Wir müssen nach alternativen Wegen des Zusammenseins und Zusammenlebens suchen. Das, was wir jetzt machen, klappt eindeutig nicht."

Wie Recht er hat und wie weit voraus dieses Buch seiner Zeit schon war. Oder anders: Man hat den Eindruck, dass sich die Situationen, die Walsch in der zweiten Ausgabe 2009 beschreibt, insgesamt noch weiter zugespitzt haben. Dass wir auf eine Eskalation zusteuern. Auf eine Auflösung dessen, was wir Demokratie nennen. Das, was wir nach Köln erlebt haben, deutet in diese Richtung. Wenn große Leitmedien sich der lauten Masse anpassen, wenn Sie - ähnlich, wie die Politik - aus Angst vor Verlusten, ihre Neutralität verlieren, dann ist Achtsamkeit geboten. Mir ist vor ein paar Tagen ein sehr treffendes Zitat von Arthur Koestler über den Weg gelaufen. Koestler, der 1905 geboren ist, hat in den 30-er Jahren für die BZ gearbeitet. Er schrieb:

 "Jede Phase dieses Auflösungsprozesses spiegelte sich in der Meinungsfabrik, in der ich tätig war. Der Ton unserer Zeitungen änderte sich merklich. (...) Die Leitartikel wurden gespreizt, patriotisch und provinzlerisch. Es war nicht nötig, die Redakteure und Auslandskorrespondenten zu diesem Kurswechsel aufzufordern. Nachdem der Ton einmal angeschlagen war, paßten sie sich an - instinktiv und automatisch. Hätte man ihnen vorgeworfen, daß sie ihren Standpunkt geändert haben, würden sie es entrüstet und überzeugt verneint haben. ... Ich war eine kurze Zeit lang stellvertretender Chef der B. Z. am Mittag und bei einer Konferenz zugegen, in der beschlossen wurde, den Feldzug gegen die Hinrichtung Harmanns abzubrechen. Es ging ganz rasch und reibungslos. Der Verlagsdirektor führte aus, Harmann sei ein unsympathischer Charakter, und wenn wir für seine Begnadigung einträten, so würde das die Öffentlichkeit gegen uns aufbringen - ‘was wir uns zur Zeit nicht leisten können’. Da sich die meisten Redakteure bereits damals in ihren Posten nicht mehr sicher fühlten, gab es keinen einzigen Protest. ... So wurde sang- und klanglos in wenigen Minuten eine Kampagne aufgegeben, die wir jahrelang aus tiefster Überzeugung geführt hatten. Es war das nur eine Kapitulation aus einer ganzen Serie, die aber umso auffälliger war, als sie keinen unmittelbaren Bezug auf politische Fragen hatte. Wir kapitulierten einfach vor der rapid wachsenden Brutalisierung der Masse." *

Kapitulation vor der rapid wachsenden Brutalisierung der Masse. Die Hoffnung, die ich habe, ist, dass wir einem natürlichen Prinzip beiwohnen. Jeder Geburt geht eine Dramatisierung, eine Verengung, eine Zuspitzung voraus. Neue Prinzipien finden selten ohne Krisen ihren Weg. Was wir brauchen, ist ein Aufstand der Anständigen. Das klingt sicher in manchen Ohren moralisch, aber ich hoffe, Du weißt, wie es gemeint ist. Ich habe es schon in einem meiner letzten Post's geschrieben: Wir brauchen die Stillen, jene, die bisher schweigsam waren. Jene, die eine Meinung haben, sich aber heraushalten. Hinnehmen, statt laut Stopp zu sagen. Die Pöbler sind nicht das Volk. Sie sind nur lauter. Dem müssen wir etwas entgegensetzen. Kann man denn als gesund denkender Mensch zulassen, dass eine Frau Petry die Vorkommnisse in Köln mit den Feldzug der Roten Armee gegen Deutsche Frauen vergleicht? Ich meine, geht's noch? Wie können wir es zulassen, dass Köln medial ausgeschlachtet wird bis zum letzten Pflasterstein, die Tatsache des Missbrauchs bei den Domspatzen aber fast eine Randnotiz bleibt? Wo bleibt da die Relation?

Ich werde nicht müde, solche Zustände zu benennen. Sie anzuklagen. Das ist manchmal anstrengend. Aber ich habe eine Vision, vielleicht auch eine Mission. Die hatte ich schon als Kind, damals, als ich in den 80-er Jahren mit einer Freundin in Gummistiefeln durch die Panke gestapft bin, um herauszufinden, woher der ätzend stinkende Schlamm kam, der das Flüsschen verschmutzte. Irgendwann standen wir im Büro eines Kombinatsdirektors. Wir kleinen Gören, die gerade mal über seinen Tisch schauen konnten. Aber er hat uns empfangen. Er hat uns angehört. Und ich werde das Gefühl nie vergessen, das damals durch meinen Körper strömte: Ich war stolz. Darauf, dass ich einen Zustand nicht einfach so hingenommen habe. Das trägt mich noch heute. Ebenso wie die Wellen, die ich so liebe. Ebenso wie der Wind, der mir die Haare zerzaust, wenn ich am Strand spazierengehe. Ebenso, wie der Moment, wenn die Ostsee sich zeigt.

Manchmal da brauch ich, wie Purple Schulz, eben auch nur das Meer...

* (zitiert nach Wolfgang Pohrt in Konkret 01/92)

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Kommentare:

Hermann Kantak hat gesagt…


Geschätzte Spaziergängerin, liebe Jeannette,

Deine Zeilen fand ich am Morgen, und nun am Nachmittag lese ich sie ein zweites Mal.

Da finde ich so vieles, was als Anknüpfungspunkt dienen könnte, diskussionsmäßig, doch vor allem dies:

Mich berührt, was Du aus Deinem Leben einfließen läßt & ich bewundere Dein Engagement.

Das darf doch mal gesagt werden. Verbunden mit einem herzlichen Gruß.

Und: bitte noch mehr Mär für Deine VerfolgerInnen und vor allem ...

... mehr Meer für Dich - Kraft, Zuversicht & Frohsinn, hab damit ein gutes neues Jahr!

Hermann

Jeannette Hagen hat gesagt…

Lieber Hermann, herzlichen Dank für Deinen schönen Kommentar! Jeannette