Dienstag, 5. Januar 2016

Ich als Mensch in Deutschland

Der Jahreswechsel liegt nur ein paar Tage zurück. Ich habe ihn in Sachsen, in dem schönen Städtchen Moritzburg verbracht. In einer beschaulichen Reihenhaussiedlung mit Aschenbrödels Märchenschloss in unmittelbarer Nähe. Idyllischer könnte ein Ort kaum sein, wären da nicht die vielen Thor Steinar Jacken, die mir beim Neujahrsspaziergang entgegenkamen. Die Glatzköpfe, die Kampfstiefelträger. Und jene, denen man ihre Gesinnung nicht gleich ansieht, die aber, mittlerweile auch ohne redselig machenden Alkoholpegel ihre rechten Parolen ungefragt herausposaunen.


All das hätte mir derzeit auch in jedem anderen Städtchen Deutschlands auffallen können. Es macht keinen Unterschied, ob Sachsen oder Mecklenburg. Die braune Soße hat sich schön gleichmäßig über unserem Land verteilt, ist in alle Winkel und Ritzen gekrochen und verbreitet nun von dort unter dem Deckmantel der Besorgtheit um das Deutsche Kultur- und Wirtschaftsgut Angst.

Angst war allerdings schon immer ein zwielichtiger Ratgeber. Sie bietet Trittbretter für all jene, die sich plötzlich gehört fühlen. Für Stammtischlamentierer ebenso wie für die, deren Stimmchen bisher unter demokratischen Teppichen verborgen gewesen waren. Wenn ich derzeit die Debatten in den sozialen Netzwerken über die aktuellen Ereignisse in Köln und Hamburg verfolge, dann tue ich mich schwer, nicht vom Glauben abzufallen. Vom Glauben an ein Land, das aus den Ereignissen der Geschichte gelernt haben sollte. Dann frage ich mich, wie es zustande kommt, dieses abgrundblöde Dumpfbackentum, dieser Drang zur Lynchjustiz, dieses Pauschalisieren, diese Hetzlust auf Politiker, Journalisten und besonders auf jene, die zu uns gekommen sind, weil in ihrem Land minütlich die Bomben vom Himmel fallen.

Das, was in Hamburg und Köln vorgefallen ist, ist völlig inakzeptabel. Die Vorfälle müssen aufgeklärt und konsequent straftrechtlich verfolgt werden. Das ist überhaupt keine Frage. Dort wurden Verbrechen begangen. Und doch sollten wir wesentlich differenzierter hinschauen. Das gilt vor allem auch für die Medien, denn es ist ein Unterschied, ob in der Headline steht, dass 1000 Männer ausländischer Herkunft deutsche Frauen angegriffen haben, oder eben - so der aktuelle Kenntnisstand: sich aus einer Gruppe von 1000 Feiernden offensichtlich mehrere Männer gelöst haben und die Frauen sexuell bedrängt und belästigt haben, um sie auszurauben. Pauschalisierungen sind hier völlig fehl am Platz und spielen nur denen in die Hände, die jetzt noch Bilder aus den 60-er Jahren aus Damaskus posten und allen Ernstes behaupten, so würde es da heute aussehen und den Krieg hätte unsere Lügenpresse erfunden.

Neben solcher Blindheit und dem mittlerweile alltäglichen Rassismus erschreckt mich aber nicht weniger die Tatsache, wie hilflos und naiv die Gesellschaft generell auf die aktuellen Entwicklungen reagiert. Es ist doch nur noch eine Frage der Zeit, bis der wütende Mob losrennt und nicht nur Häuser anzündet, sondern direkt auf alles losgeht, was nicht Deutsch daherkommt. Dann ist das Bedauern der liberal Denkenden wieder groß und das Entsetzen und die Anteilnahme vertuschen den Tatbestand, dass man schon viel eher die Reißleine hätte ziehen müssen.

Unser Land verkraftet es, dass Menschen hier Asyl suchen. Auch in dieser Größenordnung. Was wir nicht verkraften, ist die zunehmende Radikalisierung. Was wir nicht verkraften, ist die Isolation derer, die bei uns Schutz suchen. Was wir nicht verkraften, ist die Spaltung der Gesellschaft, die viel tiefere Ursachen hat, als die, welche sich in den derzeitigen Debatten offenbaren. Menschen, die Häuser anzünden, sind genauso kriminell, wie Menschen, die Frauen sexuell belästigen. Menschen, die andere halbtot prügeln, weil ihnen ihre Hautfarbe nicht passt, sind genauso kriminell wie Menschen, die andere ausrauben. Da spielt die Herkunft keine Rolle. Was eine Rolle spielt, ist die Frage, inwieweit ist derjenige, der solche Taten begeht, in die Gesellschaft integriert, in der er lebt. Vertritt ein Rechtsradikaler unsere Werte? Nein. Ebensowenig wie jene, die in Köln und Hamburg gewütet haben. Wir kommen aber nicht drumherum sie ins Boot zu holen, wenn wir uns nicht zu totalitären Verhältnissen zurückentwickeln wollen.

Und da steht sie nun die Frage: Wie ist das zu leisten? Ich wäre Politikerin, wenn ich darauf eine schnelle Antwort hätte. Ich schaue aber aus einem anderen Blickwinkel. Aus einem systemischen. Jeder, der zum Täter wird, ist auf eine bestimmte Art entwurzelt. Was wir brauchen, sind Programme, die das abfangen. Wir brauchen ein Bildungssystem, das diesen Namen verdient. Wir brauchen eine Integrationspolitik, die diesen Namen verdient. Ein Krisenstab nützt genauso wenig, wie die Blumen und Teddys, nachdem das nächste Flüchtlingsheim gebrannt hat. Wir sind alle aufgerufen, unser Phlegma endlich abzulegen. Es reicht nicht mehr, wählen zu gehen, nein, wir müssen uns einbringen. Die Tendenz ist da, aber die, die Werte wirklich leben, sind noch zu leise. Wenn ich mir etwas für dieses Jahr wünsche, dann das: "Ihr stillen, ihr klardenkenden, ihr wissenden Menschen. Werdet laut. Bringt eure Stimme ein. Überlasst dieses Land nicht den Hohlbirnen, egal, welche Hautfarbe sie haben, egal, woher sie kommen.

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