Sonntag, 3. Januar 2016

Ich als Mensch - Folge 2

Filmzeit am 2. Januar. Wenn es einen Streifen gibt, der mein ganzes Fühlen, mein Erleben und das, was ich in meinem Buch "Die verletzte Tochter" versucht habe zu erklären, spiegelt, dann ist das wohl Mamma Mia. Mag er noch so kitschig, noch so rührseelig daherkommen - es gibt wohl kaum einen Film auf dieser Welt, der die Gefühle eines vaterverlassenen Mädchens und vor allem auch das Drama rundherum so gut abbildet.


In Mamma Mia findet sich alles: Die junge Frau, die auch mit 20 die Sehnsucht nach dem unbekannten Vater nicht ablegen kann. Die Mutter, die aus einem schlechten Gewissen heraus ein Lügengerüst um die Vaterfigur aufgebaut hat. Der Vater, der nichts von seinem Schicksal wusste, oder es nicht wahrhaben wollte. Noch einmal die Mutter, die aufopferungsvoll, alleinerziehend die Bälle all die Jahre oben gehalten hat. Noch einmal die Tochter, die viel zu früh, viel zu jung nach einem Anker sucht und ihn in der viel zu frühen Bindung zu einem Mann findet. Ein weiteres Mal die Tochter, die es zunächst nicht wagt, sich von der Mutter zu lösen, aus Angst sie allein zu lassen. Aus Loyalität, weil sie weiß, wie viel Kraft es die Mutter gekostet hat, das Kind ohne väterliche Unterstützung großzuziehen.

Ich könnte Bände über diesen Film schreiben...

Wenn ich ihn heute sehe, dann gibt es nach wie vor viele Stellen, bei denen ich weine. Weil es mich bewegt, weil ich mich erkenne und weil ich weiß, dass ich damit nicht allein bin.

Niemand in dieser Geschichte hat einen Fehler gemacht. Nicht die Mutter. Nicht die Tochter. Nicht die Väter, von denen man bis zum Ende nicht weiß, welcher der leibliche ist.

Was sie alle auszeichnet, ist ihr unperfektes Sein. Ihr Menschsein. Keiner ist nur Opfer. Keiner ist nur Täter. Und doch sind alle beides.

"Ich habe einen Traum
ein Lied zu singen
um mir zu helfen
mit allem fertig zu werden
Wenn du das Wunder
eines Märchens siehst
kannst du die Zukunft annehmen
auch, wenn du versagst."


Kommentare:

Axel Kühne hat gesagt…

Liebe Jeanette,
wie bereits im letzten Jahr getan, hier noch einmal der Dank an Dich, dieses Thema so intensiv aufzuarbeiten.
Es gibt zu wenig Prosa darüber, was für mich der Hauptgrund dafür ist, dass wir immernoch nur einen rudimentären Diskurs führen, wenn es um versagte Vaterschaft geht. Oftmals unwissentlich, viel zu oft bewusst von Vätern allein gelassen, wachsen Kinder ohne Vater auf.
Die politisch korrekte Antwort der Emanzipationsbewegung der letzten Jahrzehnte, deren Wirken ich grundsätzlich sehr begrüße, lautete: "das kann Frau genauso gut!".
Doch hier geht nicht um Politik und weißen Käse, sondern Menschen. Um Mädchen und Jungen, denen zwei Fragen im Leben nie beantwortet werden wird: "Wer wäre ich, wenn mein Vater an meiner Seite gewesen wäre?". Und: "Wer bin ich, weil er es nicht war?".
Weiter lässt sich fragen, wie eine manchmal durchaus notwendige Distanzierung von einem Stiefvater ater auf ein Kind wirkt? Die Rolle der Mutter in diesem Moment ist elementar wichtig! Welche Rolle spielt die Gesellschaft in einer vaterlosen Mutter-Kind-Beziehung? Kann durch die notwendig enge Beziehung zwischen Mutter und Kind, da sämtliche Tagesbetreuungsangebote für Kinder nur schwer zugänglich oder nicht vorhanden sind, die Lücke der fehlenden Vaterschaft vergrößert werden?
Sicher hast Du dazu bereits in Deinem Buch geschrieben. Ich habe im Neuen Jahr, nach einer notwendigen beruflichen Neuausrichtung, vieles vor. Unter anderem die Lektüre Deines Buches, da ich mich sehr freue, dass Du als engagierte Frau Dich dieses Themas gewidmet hast.
Also nochmal: Danke für Deine Arbeit!

Jeannette Hagen hat gesagt…

Lieber Axel, vielen Dank für Deine wertschätzenden Worte!