Samstag, 2. Januar 2016

Ich als Mensch - Folge 1

Das neue Jahr ist zwei Tage alt. Die Glückwünsche für frohe, schöne, gelassene und erfolgreiche Momente trudeln immer noch ein und die Euphorie, die Aufbruchsstimmung, das Abjetztwirdallesbesser-Gefühl liegt wie Brandbeschleuniger in der Luft. All das passt so gar nicht zu meiner Stimmung. Denn ich bin müde.


Nicht schlafmüde, wie nach einer durchgetanzten Nacht, sondern kopf- und planmüde. Ich habe keine Lust auf Aktion, auf Weltverbesserung, auf Selbstoptimierung. Ich will nicht reicher, durchtrainierter oder gesünder sein. Viel besser wäre es, wenn ich einfach nur sein könnte. Sein, so wie ich heute bin. Ein wenig maulig, ein bisschen traurig, vielleicht auch wehmütig oder trotzig, aber vor allem müde.

Zu sein, wie man ist, verlangt einem selbst schon ziemlich viel ab. Vor allem dann, wenn ringsherum alles taff und perfekt scheint. Noch schwieriger ist es allerdings, öffentlich zu sich und zu seinen Gefühlen zu stehen. Haltung zu zeigen, sich nicht verbiegen zu lassen, ist ein Kraftakt. Ich habe das in den letzten Wochen sehr deutlich zu spüren bekommen. Wagt man es, den Kopf aus dem Sand zu stecken und zu sagen, was man fühlt, dann steht man unweigerlich im Kreuzfeuer. Man wird bewertet, beurteilt, verurteilt. All das ist nicht schlimm, all das ist vorhersehbar und trotzdem kostet es Kraft, das auszuhalten und bei sich zu bleiben. Wir wollen alle geliebt werden. Bedingungslos. Nur für unser so sein.

Ich frage mich, ob das der Grund ist, warum heutzutage immer weniger Menschen authentisch sind. Warum immer weniger den Mumm haben, sich mit ihrem ICH zu zeigen. Wir präsentieren unser Essen, unsere Reisen, unser Haben, das, was wir sehen - aber uns? Das bleibt die Ausnahme. Und doch ist es genau das, was uns doch eigentlich fasziniert, gleichzeitig aber offensichtlich verängstigt: Menschen, die einfach sind. Wie der Autor Karl Ove Knausgård, der in seinem Buch "Lieben" schreibt: "Von meinen zahlreichen Gefühlen für die Menschen, mit denen ich soeben mehrere Stunden verbracht hatte, war nichts mehr geblieben. Sie hätten allesamt verbrennen können, ohne dass ich das Geringste für sie empfunden hätte." Das ist verdammt ehrlich und wer Knausgårds Bücher kennt, der weiß, dass er nie ein Blatt vor den Mund nimmt. Großartig. Dann kann man auch Romane schreiben, in denen über fast 30 Seiten ein Kindergeburtstag beschrieben wird, ohne das es ermüdet oder langweilt.

Gefühle der anderen machen uns Angst. Aus mehreren Gründen. Vielleicht, weil wir sie selbst haben, sie uns aber nicht eingestehen. Vielleicht, weil wir sie gern hätten, aber in uns nicht finden. Vielleicht, weil wir damit etwas verbinden, das wir tief in uns begraben haben, weil es schmerzt. Dann fällt es leichter, den anderen für sein "so sein" zu verurteilen, ihn abzukanzeln, an den Pranger zu stellen, statt die eigene Büchse der Pandora zu öffnen.

Ich will da raus. Mich so zeigen, wie ich bin. Unperfekt, aber als Mensch.

Das Schreiben hat mich wach gemacht. Sogar ein wenig euphorisch. Das ist ja das Gute an unseren Gefühlen und Empfindungen. Sie wandeln sich, wenn man ihnen Raum gibt. Ich weiß jetzt jedenfalls, worum es in diesem Jahr geht. Um mein Sein. Ich habe etwas zu erzählen. Viel zu erzählen. Das darf in die Welt. Die größte Angst, die ich immer hatte, war, für etwas, das ich geschrieben habe, ausgelacht oder nicht gemocht zu werden. Wie sich das anfühlt, durfte ich im letzten Jahr erfahren. Und? Ich habe es überlebt. Es hat mich nicht umgebracht, mich nicht zerissen. Ganz anders: es hat mich bestärkt. Und den Weg will ich weiter gehen. Vielleicht bin ich dann am Ende des Jahres wieder müde, weil es anstrengend war. Aber das gehört dazu. Wie die Asche, die der Wind nach jedem Feuer in alle Himmelsrichtungen trägt und die den Boden fruchtbar für das neue Leben macht.

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