Samstag, 30. Januar 2016

Du fragst nach dem Sinn?

Hast Du mal überlegt, was es mit Dir machen würde, wenn Du alles zurücklassen müsstest? Wenn Du gezwungen wärst, all das, was Dir lieb und teuer ist, aufzugeben? Schau Dich kurz um. Vielleicht sitzt Du ja gerade in Deiner Wohnung. Im Kamin flackert ein Feuer oder die Heizung strahlt Wärme ab. Vor Dir steht Dein Rechner, oder ein Mac und vor der Tür parkt Dein Auto oder im Hof ein Fahrrad. Dein Keller quillt über vor Dingen, die Du gerade nicht brauchst. Das Licht brennt. Du gehst in die Küche, holst Dir etwas aus dem Kühlschrank, drehst dann den Wasserhahn auf und es kommt sauberes Wasser aus der Leitung.


Du siehst Dich um, siehst Deine Frau oder Deinen Mann, Deine Kinder, all das, was Dich umgibt. Schränke, Teppiche, Sofas, Fernseher. Selbst, wenn Du Single bist, keine eigene Familie hast, schau Dich um: nichts fehlt Dir wirklich. Auf Deinem Konto liegt Geld, vielleicht ist es wenig, aber Du weißt, dass es möglich ist, es zu vermehren. Selbst, wenn Du im Dispo bist - immerhin hast Du einen! Und wenn Du Deinen Job verlierst, ist für Dich gesorgt. Du kannst zum Arzt gehen, wenn Du krank bist. Vielleicht hast Du eine Lebensversicherung, eine Rentenversicherung. Wenn es Dir schlecht geht, hast Du Freunde, die Du anrufen oder treffen kannst. Die Dich aufbauen, Dich unterstützen. Dein Leben ist sicher.

Und nun stell Dir vor, all das bricht weg. Von heute auf morgen, weil Du fliehen musst. Weil Bomben fallen, weil geschossen wird, weil es plötzlich nichts mehr zu Essen gibt. Du machst Dich auf den Weg und was Dir bleibt, ist Dein Leben und die Klamotten, die Du am Leib trägst. Vielleicht hast Du noch ein Smartphone, das Dich mit Deiner Vergangenheit verbindet. Aber mehr auch nicht. Nur Du. Dein Atem, Deine Kraft, Dein Wille.

Nicht mehr und nicht weniger.

Bleib einen Moment in diesem Gefühl. Da ist nichts. Nur Du und Dein Leben und vor Dir ein weiter Weg ins Ungewisse. Grenzzäune, Kälte, Hunger. Alles im 21. Jahrhundert.

Niemand in Deutschland musste das in den letzten 70 Jahren erleben. Niemand. All die Pöbler, die Hetzer, die AfD-ler, die jetzt schon nach Schießbefehlen schreien, sitzen mit ihren Ärschen im Trockenen. Keiner von ihnen kann sich auch nur annähernd vorstellen, was es bedeutet, seine Heimat, sein Hab und Gut und die Menschen, die einem nahestehen, zu verlieren. Keiner von den Dumpfbacken, die Flüchtlingsheime anzünden oder auf Facebook Gruppen wie "Asylchaos Nein Danke" gründen und dort ihr braunes Gewäsch abladen, haben jemals wirkliche Entbehrung erlebt. Ich könnte kotzen, wenn ich die Argumente lese, mit denen sie sich gegenseitig hochschaukeln.

Nimm es mir nicht übel, aber uns geht es offensichtlich allen zu gut. Für mich stellt sich in den letzten Wochen mehr und mehr die Frage, ob das Sozialsystem in dem wir leben und die Sicherheit in der wir uns schaukeln, dafür verantwortlich sind, dass einige Menschen zu trägen, neidischen, empathielosen und menschenverachtenden Monstern mutiert sind. Dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihr Herz zu öffnen und klar geradeaus zu denken. Wer satt ist, hat keine Visionen und manch einem fehlt wohl schlichtweg die Demut vor dem Leben. Davor, dass nichts im Universum selbstverständlich ist.

Ich würde die Hetzer, allen voran Frau Petry und Co. gern mal in ein Schlauchboot setzen und bei Windstärke 7 über die Ägäis schicken. Allerdings erst, nachdem sie ein paar Monate in irgendeinem Auffanglager in der Türkei gelebt haben, gern getrennt von der Familie. Dann weiter über die Balkanroute. Und dann, wenn sie hier angekommen, nach all den Schikanen und Entbehrungen, dürften sie sich noch ein paar Monate vorm LaGeSo in Berlin anstellen. Gern bei Minus 8 Grad Celsius. Ich weiß, das ist nicht sachlich, aber mir geht die Sachlichlichkeit angesichts der widerlichen Maulhelden, die sich vor allem auch in den sozialen Netzwerken herumtreiben, gerade ein bisschen verloren.

Ich will aber nicht auch anfangen zu pöbeln, sondern ich möchte die ansprechen, die sich mit Ängsten und Zweifeln herumplagen. Die Mitläufer. Jene, die schnell ein gefundenes Fressen für die Pöbelmeute sind, die gern Ängste schürt. Schaltet Euren Kopf und Eure Sinne ein! Wir gehen nicht zu Grunde, nur weil wir in unserem Land derzeit so vielen Menschen Zuflucht bieten. Unser System kollabiert nicht, unser System hält das aus. Statt zu zweifeln, sollten wir wieder lernen, uns auf unsere Stärken zu besinnen. Auf das, was wir leisten können. Was habe ich heute bei Veit Lindau gelesen?

"Ich wünsche mir, dass wir uns alle konstruktiv Gedanken darüber machen, was für eine großartige Nation und was für eine großartige Menschheit wir werden wollen."

Stell Dir diese Energie vor. Wenn ALLE mal denken und handeln würden, statt zu sabbeln und sich zu sorgen. Statt abzuwägen, ob die Hilfe für den Flüchtling jetzt dem Obdachlosen schadet. Statt zu überlegen, ob einer, der ein Smartphone hat, überhaupt Hilfe benötigt. Wir haben es in der Hand, wohin das Pendel ausschlägt. Wir alle. Jeder einzelne. Ich und Du. Ja Du - der oder die Du gerade in Deiner warmen Wohnung sitzt, Deinen Kaffee trinkst und Dir eigentlich um nichts wirklich Sorgen machen musst. Hilf den Menschen, die nichts haben. Geh raus und unterstütze die, die in den Notunterkünften leben. Trau Dich! Nichts ist aufregender als Erfahrung. Und glaub mir, anderen zu helfen, setzt Glückshormone frei! Es macht Dich menschlicher als jeder Flatscreen, jeder Turnschuh, jedes Handy. Klar macht es erst einmal Angst. Klar fühlt es sich fremd an. Dafür gibt es Dir Sinn. Übrigens den, nachdem Du ab und an fragst.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Als freie Autorin finanziere ich meine Arbeit überwiegend selbst. Wenn Du meine Texte gern liest und mich unterstützen möchtest, kannst Du das via PayPal tun. Den Button findest Du rechts neben diesem Eintrag. Herzlichen Dank!





Keine Kommentare: