Dienstag, 13. Oktober 2015

Schreiben ins Blaue und das zweite Leben


Seit Monaten liegt der angefangene Roman in der digitalen Schublade. Dort schmort er vor sich hin, wartet darauf, dass ich mich an den Mac setze und in die Tasten haue. So geschrieben, stimmt das natürlich nicht. Dem Roman ist es völlig egal, ob ich ihn beende oder nicht.
Ebenso wie meinem Mac und all den anderen, die ja von dem Projekt nichts wissen. Eigentlich gibt es nur eine einzige Person, der es nicht egal sein kann und diese Person bin ich. Und genau dort sitzt die Herausforderung, die jeder, der schreibt oder kreativ ist, kennt. Passend zum Thema las ich heute den Eintrag einer Autorenkollegin (Eva Lirot), die auf Facebook schrieb:

"Es gibt ja viele Beweggründe, Bücher zu schreiben. Der häufigste ist sicher der, reich und berühmt zu werden. Und das möglichst schnell. Kann sogar gelingen. Aber eher selten. (...) Warum ich trotzdem schreibe? Weil es mir Freude bereitet, wenn ich Leute unterhalten kann. Klar, natürlich wäre es schön, wenn ich allein davon mal leben könnte. Aber das ist nicht meine Hauptmotivation.
So, wie es manchen Spaß macht, einen außergewöhnlichen Pullover zu stricken, schreibe ich gerne Geschichten. Wobei ich mir wünsche, dass sie gelesen werden."


Eine schöne Motivation. Wenn die ausreichend ist, sich ans Werk zu machen, großartig. Bei mir klappt es damit nicht immer. Klar, schreibe ich auch gern. Aber es geht noch um mehr. Das mit dem "reich und berühmt werden" habe ich mir allerdings von Anfang an abgeschminkt. Bücher zu schreiben, ist kein Zauberwerk, sondern ziemlich harte Arbeit, die obendrein nur für die gut bezahlt ist, die zu den oberen zehn Prozent der gehypten Autoren gehören. Wenn ich all die Stunden zusammenzähle, die ich an meinem letzten Buch gesessen habe, dann schmilzt der Vorschuss auf einen Betrag zusammen, für den ein McDonalds Mitarbeiter morgens nicht mal aufstehen würde. Dazu kommt, dass man ja nicht immer einen Verlag und einen Vorschuss hat, sondern dass wir Autoren zunächst meist buchstäblich ins Blaue schreiben. Das heißt, wir wissen nicht, ob sich ein Verlag jemals für unsere Arbeit interessieren wird. Wir wissen auch nicht, ob sich Leser finden werden, die das Buch kaufen. Ob ihnen das, was wir geschrieben haben, gefällt. Ein Architekt baut ein Haus, weil er beauftragt wurde. Ein Ingenieur plant eine Brücke, weil klar ist, dass sie gebraucht wird. Eine Ärztin geht morgens in ihre Praxis, weil sie weiß, dass dort Menschen auf sie warten, die ihre Hilfe brauchen.


Aber wer braucht ein Buch? Wer will lesen, was ich denke? Wen interessiert meine Fantasie?

An der Stelle komme ich nicht umhin, noch einmal Steven Pressfield aus dem Regal zu ziehen. Einen Autor, den ich hier schon einige Male zitiert habe.

"Es gibt ein Geheimnis. Wirkliche Schriftsteller kennen es im Gegensatz zu Möchtegern-Autoren. Und es lautet: Nicht das Schreiben ist das Schwierige, sondern sich hinzusetzen und damit anzufangen. Und was uns am Hinsetzen hindert, sind die inneren Widerstände."

Und weiter:

"Die meisten von uns haben zwei Leben. Das, das sie führen, und das ungelebte, das all unser Potential beinhaltet. Zwischen diesen beiden Leben stehen die inneren Widerstände."

Im Grunde geht es nicht nur um das Schreiben. Mir geht es heute um alles, was wir nicht ausleben. Was in uns steckt und sehnsüchtig darauf wartet, gelebt zu werden.Wir halten uns davon fern, indem wir uns ablenken. Mit sinnlosen To Do's, die wir zu wichtig nehmen, mit Sehnsüchten, mit Süchten, mit Rechtfertigungen und und und. Ich hätte dieses Buch schon lange fertig schreiben können. Mehr noch, es könnte schon längst veröffentlicht sein. Wenn nicht bei einem Verlag, dann im Selfpublishing. Was mich und all die anderen "Schattenkünstler" abhält, ist Angst. Auch nach dem fünften Buch. Immer wieder die Angst davor, den Kopf aus dem Sand zu stecken und sich mit all dem zu zeigen, was man ist und was man hat. Natürlich machen wir uns damit verletzlich, angreifbar, halten wir den Kopf hin. Aber es nicht zu tun, ist auch keine Alternative, weil es auf Dauer schmerzt, etwas zurückzuhalten. Weil es auf Kosten der eigenen Lebendigkeit geht.

Was ich zu tun habe, weiß ich. Wie sieht es bei Dir aus? Was versteckst Du vor der Welt? Wie sieht Dein zweites Leben aus?

Keine Kommentare: