Mittwoch, 9. September 2015

Was jetzt beginnt

Tarot-Karte "Tod"
Ich schaue aus meinem Fenster, sehe, dass die Sonne es gerade geschafft hat, sich über die Dächer der gegenüberliegenden Häuser zu erheben. Ein freundlicher Tag, ein leichter Wind, während ich im Zimmer sitze und meinen Gedanken nachhänge. Es ist so viel los momentan. So viele Bilder, die mein Gehirn überfluten, so viele Eindrücke, die Gewohntes aufwirbeln. Manchmal mischt sich Angst dazwischen.


Wenn das passiert, dann habe ich mir angewöhnt, nicht wegzuschauen, mich nicht abzulenken, sondern genau hinzusehen. Was ist es, was die Angst auslöst? Die Veränderungen, die auf unsere Gesellschaft zwangsläufig zukommen, wenn so viele Menschen hier bei uns Zuflucht suchen? Der Hass, und die Verschwörungen, die derzeit so ausufernd verbreitet werden? Die Angst vor dem Kollaps dieser Erde, der scheinbar nicht aufzuhalten ist, bedrohlich näher rückt? Vielleicht auch die Angst vor der eigenen Ohnmacht?

Tauche ich tief in diese Fragen ein, lande ich am Ende beim Tod. Bei meiner Angst davor, meine Liebsten oder mein eigenes Leben zu verlieren. Gräßlich diese Vorstellung. Aber wenn ich dort angekommen bin, ist es nur noch ein kleiner Schritt bis hin zu der Erkenntnis, dass ich dem nicht ausweichen kann, so sehr ich mir das auch wünsche. Ja, ich werde sterben und ich weiß nicht, ob das morgen oder erst in 45 Jahren sein wird. Ich weiß nicht, ob mich ein Tsunamie überrollt oder ein 7-Tonner. Ob mich eine Krankheit dahinrafft oder die Waffe eines Menschen, der dem Wahnsinn verfallen ist. Niemand kann das wissen. Und ja, auch meine Kinder, mein Mann, Menschen, die ich liebe, können sterben. Ich habe es nicht in der Hand. Das Einzige, das ich beeinflussen kann, ist das Jetzt. Mein Leben im Augenblick. Wir vergessen das so oft in der Hektik des Alltags. Diesen wertvollen Moment, in dem wir alles bestimmen. Diesen einen Atemzug, der den Unterschied macht. Wer bist Du in diesem Augenblick? Reine Liebe. Mehr nicht. Weniger auch nicht.

Ich weiß, damit kann nicht jeder etwas anfangen. Manch einer fragt nach dem Nutzen, dem Gewinn, nach etwas Sichtbarem, das sich gleich zeigt. Nein, mein Freund, so funktioniert das nicht. Achtsamkeit ist keine Schokolade, die deine Dopaminproduktion sofort ankurbelt und Dir ein Grinsen in das Gesicht zaubert. Achtsamkeit ist keine Droge, die den Kick bringt. Sie verändert nicht sofort Dein Leben und doch verändert sie alles. Vor allem aber Deinen Blick auf Dich und die Welt. Wie ist das, reine Liebe zu sein? Wie fühlt sich das an? Spürst Du, wie das Göttliche sich in Dir ausbreitet, wenn Dir klar wird, welche Höchstleistung Dein Körper in jeder Millisekunde vollbringt? Wenn Dir klar wird, was für ein kraftvoller Schöpfer Du bist?

Ja, irgendwann ist das vorbei. Das ist Teil der Wahrheit. Vielleicht sogar der wichtigere, denn er bringt uns dazu, zu leben.

Die Sonne strahlt jetzt hell über die Dächer. Der Wind bewegt die Blätter und trägt meine Gedanken fort. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht und lässt mich dankbar zurück. Für diesen Augenblick, den wir gerade geteilt haben. Diesen Atemzug, der uns verbindet. Ich wünsche Dir einen schönen Rest Deines Lebens. Er beginnt gerade jetzt.

Kommentare:

Papagena hat gesagt…

Liebe Jeanette,
Du hast mich gerade in diesem Moment sehr geerdet mit Deinen Worten!
Dankeschön dafür!

Es ist immer wieder erstaunlich wichtig, hier und da im richtigen Moment die richtigen Impule zu bekommen - dieses Mal hier, von Dir.

Herzlichst,
Papagena

Jeannette Hagen hat gesagt…

Liebe Papagena, das freut mich! Liebe Grüße aus Berlin, Jeannette