Freitag, 11. September 2015

Meinungsfreiheit

Momentan wird ja viel diskutiert. Über Flüchtlinge, über Gründe für ihre Flucht, über Ängste und über Meinungsfreiheit. Besonders Facebook steht im Kreuzfeuer der Debatten, weil es nackte Brüste löscht, Hass- und Trollkommentare jedoch stehen lässt, weil sie angeblich nicht gegen die Gemeinschaftsregeln verstoßen.


Bis vor kurzem war ich der Meinung, dass das absolut daneben ist, habe mich über die Doppelmoral, dieses seltsame Gebaren aufgeregt. Das hat sich allerdings im Laufe der letzten Wochen verändert. Nicht, dass ich der befremdlichen Logik, Titten als Verstoß zu werten und Kommentare zu dulden, in denen dazu aufrufen wird, Flüchtlinge zu vergasen, heute etwas abgewinnen könnte. Nein, Gott bewahre. Aber an der Tatsache, dass Menschen ihre Meinung äußern, auch wenn sie noch so scheußlich, so hasserfüllt, so grottendämlich daherkommt, an der sollten wir nicht rütteln. Warum?

Weil alles, was wir verdrängen, ein Eigenleben führen wird. Weil das, was wir aus dem Licht nehmen, ins Dunkle abrückt und dort gärt. Wir müssen uns eingestehen, dass das viel zu lange schon so war und dass Phänomene wie Pegida erst dadurch entstehen konnten.

 Ja, es schmerzt, wenn unter Postings, auf denen irgendein Abfalleimer dieser Welt mit Essensresten zu sehen ist, der angeblich von Flüchtlingen gefüllt wurde, die unsere "Gutmenschen-Spenden" entsorgten, steht:

"Es gibt Hortkinder und Schüler wo ohne Frühstück zur Schule gehen müssen. Und das interessiert keiner. Welch eine Schade. Armes Deutschland." 

"Eine Schande. Unsere Leute hungern."

"verhungern lassen diese brut"

Da möchte man sich oder jene, die kommentiert haben, gern schütteln. Die spannende Frage ist doch aber: Wie kommt es dazu, dass offensichtlich im Zusammenhang mit der Flüchtlingswelle so viele Menschen keinen Zugang mehr zu ihrem Verstand und ihrer Menschlichkeit haben, gleichzeitig aber Katzenfotos und Bilder von notleidenden Hunden posten? Ich habe es schon einmal in einem anderen Zusammenhang geschrieben: "Hass wird nicht geboren. Er wird gemacht."


Eine Ursache sehe ich darin, dass Selbstverantwort für viele Menschen der westlichen Welt mehr und mehr zum Fremdwort mutiert ist. Alles soll der Staat richten. Oder die Versicherung. Oder der Anwalt. Was früher der große Bruder war, den man rief, wenn man selbst die Hosen voll hatte, ist heute Mutti Merkel. Der besorgte Bürger ist eigentlich ein enttäuschter Bürger, der ängstlich in seiner Bude hockt, sich hinter seinem Rechner verschanzt, von dort sein Gift versprüht und alle anderen für sein gefühltes Elend verantwortlich macht. Dabei ist er sich nicht zu blöd, plötzlich Argumente und Randgruppen hervorzuzerren, um die er sich vorher einen Dreck gekümmert hat. Plötzlich rufen sich die Schlafmützen der Nation zum Retter Deutschlands aus, ohne zu hinterfragen, ob Deutschland überhaupt von ihnen geretten werden will. Plötzlich sieht der besorgte Bürger all die Obdachlosen, all die notleidenden Kinder, all die Baustellen, die es in unserem Land zweifelsohne gibt. Nur hat er sich jemals dafür engagiert, etwas zu verändern? Sein Christentum ehrlich und begeistert gepflegt? Etwas für sein Land getan?

Ich bin überzeugt, dass die Flüchtlinge für viele ein Ventil sind, ihren Unmut über das eigene Leben in die Welt zu posaunen. Die Deutschen ränkeln auf der Zufriedenheitsskala irgendwo am Ende herum und wer mit sich selbst nicht zufrieden ist, der sucht halt gern die Schuld bei anderen. Der rauft sich auch gern in Gruppen zusammen, die sich Patriotismus auf die Fahne schreiben. Ich könnte kotzen, wenn ich das lese. Ehrlich.

Dazu kommt, dass diese Gruppen oder Personen sich gern abschotten. Abseits derer bleiben, die neu in unserem Land sind. Wenn ich jedoch den Kontakt nicht suche, dem fremden Mensch nicht Auge in Auge gegenüberstehe, ihn anhöre, ihn erlebe, dann ist es natürlich leicht, überheblich und menschenverachtend zu sein. Ich würde gern jene sehen, die "Vergast sie" unter Bilder von Flüchtlingen posten, wenn man sie dazu verdonnern würde, in einer Turnhalle, in der Flüchtlinge untergebracht sind, mit den Kindern zu spielen. Ich verwette meinen Hintern darauf, dass sie die Dinge danach anders beurteilen.

Aber ich will nicht abschweifen, denn es ging ja darum, ob ich teilhaben will an diesem Mist. An dem Geschwafel, der Hetze, dem Hass. JA, will ich. Weil es mir zwei Dinge deutlich macht: Es zeigt mir, dass ich so nicht sein will und ist mir damit Wegweiser. Und es zeigt mir, dass es immer zwei Pole gibt. Seit Dr. Jekyll und Mr. Hyde wissen wir, dass das Böse wächst, wenn man es abspaltet. Also sollten wir besser schauen, wie wir es eingliedern. Ihm seinen Platz zuweisen. Hört sich fürchterlich an, aber einen anderen Weg gibt es nicht. Für mich stehen wir nicht vor der Mammutaufgabe, Flüchtlinge zu integrieren. Das wird sich einspielen. Das hat rückblickend immer funktioniert. Viel wichtiger aber wäre es, sich mal im eigenen Land umzuschauen, wer denn hier längst nicht mehr mit im Boot sitzt. Wer sich zusammenrauft, sich heroisiert. Das gelingt aber nur, wenn diese Menschen sichtbar sind. Wenn wir ihre Namen auf Facebook oder in den Kommentarspalten der Zeitungen lesen. Und wenn Menschen, die solchen Kommentaren ausgesetzt sind, sich öffentlich dagegen wehren, so wie unlängst Katrin Göring-Eckardt. 

Darum: Ja, schreibt, was Ihr denkt, aber Klarnamenpflicht bitte. Zeigt Euch! Zeigt Euer Gesicht und lasst uns teilhaben an all dem, was Euch so durch die Birne geht. Großartig, wenn das ans Licht kommt. Dann wissen wir wenigstens, mit wem wir es zu tun haben und können uns danach ausrichten. Ich glaube nicht, dass die Hetzer und Hassspucker wirklich so böse und ätzend sind, wie sie tun. Sicher gibt es einige unter ihnen, die kriegen die Gehirnregion, in der das Gewissen sitzt, nicht aktiviert. Die gibt es aber überall auf dieser Welt. All die anderen sind Mitläufer. Menschen, die auch gern mal ihr Fähnchen drehen, wenn der Wind aus einer anderen Richtung weht. Darum sollten wir mit ihnen reden. Die Tür aufmachen. Sie als Pack zu beschimpfen ist der falsche Weg. Jeder hat ein Recht auf seine Meinung. 
Wenn es dann auch wirklich seine ist.

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