Dienstag, 1. September 2015

Ja, sie bewegt sich.

Vor ein paar Tagen las ich auf Facebook einen sehr weisen Spruch. Leider habe ich mir den Schöpfer nicht gemerkt, darum gebe ich das Ganze nur sinngemäß wieder. Der Mann sagte, dass die größte Verletzungsgefahr heute dadurch entstehe, dass die Generation Midlifecrisis und drüber (also ich) rein körperlich natürlich schwächer werde, aber nach wie vor allmachtsphantastisch glaubt, dass sie nicht älter als 20 ist und dementsprechend handelt.


Ja, dachte ich. Der Mann hat Recht. Wenn ich sehe, wer sich um mich herum plötzlich wieder ein Motorad kauft, seine Kletterboots aus dem Keller holt, das Schlagzeug putzt, den heißen Schlitten wieder flott macht, um damit über die Autobahn zu brettern, wenn ich sehe, wer - die 50 schon überschritten - plötzlich die waghalsigsten Unternehmungen startet und seinem Körper alles abverlangt, dann ist da wohl etwas dran. Je mehr ich in diese Erkenntnis eintauchte, je deutlicher wurde mir plötzlich, dass der Mann mit diesem Spruch eigentlich den Nobelpreis verdient hätte, denn was er sagt, trifft nicht nur auf die Generation "Wirwerdennichtalt" zu, sondern vor allem auf unsere Weltordnung. Modifiziert man ihn etwas, dann lautet er: Die größte Gefahr besteht momentan darin, dass die Herrscher der alten Weltordnung meinen, das Rad hätte sich nicht gedreht. Sie handeln nach alten Konzepten, während die Systeme ihnen um die Ohren fliegen. Sie argumentieren mit immer gleichen Parolen, während die Völker längst wandern, die Natur rebelliert und uns der Ast unter dem Hintern wegbricht. Gleichzeitig glauben sie, sie seien die Größten.

Dabei ist das Drama nicht mehr aufzuhalten. Der Stein längst ins Rollen gebracht. Ich erinnere mich an einen Vorfall, der sich 2005 in Portugal am Strand von Cascais ereignete. Damals überfielen rund 500 Jugendliche in einer Blitzaktion die Badegäste. Sie nahmen alles, was nicht niet- und nagelfest war mit. Später fand man heraus, dass die Jugendlichen aus den Armutsvierteln vor Lissabon stammten und es gab etliche Experten, die in diesem Zusammenhang, also vor zehn Jahren schon warnten, dass das keine Ausnahme bleiben wird. Dass nicht nur die Armen aus den eigenen Ländern rebellieren oder besser aufbegehren werden, sondern dass der Tag kommen wird, an dem all die Ärmsten dieser Welt sich aufmachen werden. Vielleicht sagt Dir Pitchforks etwas. Der Begriff trifft es wohl am ehesten.

Nun ist es soweit. Die Erde hat sich weitergedreht. Krieg, Armut, Vertreibung - die Menschen setzen sich in Bewegung und ob uns das passt oder nicht, ich bin fest davon überzeugt, dass der Untergang der momentan bestehenden Weltordnung bevorsteht. Das ist keine Verschwörungstheorie. So gar nicht. Aber schauen Sie sich die Zahlen an. Wie viele Menschen derzeit auf der Flucht sind und es werden immer mehr. Ich will hier auch gar nicht spekulieren, ob das gewollt ist oder nicht. Fakt ist, dass wir in irgendeiner Form darauf reagieren müssen. Tun wir das mit unserer Allmachtsphantasie, dass ewig alles beim Alten bleibt, tun wir das mit alten Denkweisen, indem wir wieder Grenzen hochziehen, Mauern errichten, dann haben wir jetzt schon verloren.

Die Natur macht es uns vor. Wird ein System zu starr, dann zerfällt es. Sind die Verhältnisse zu unausgewogen, findet ein Ausgleich statt. Das ist einfachste Chemie, Biologie und Geschichte. Das Römische Reich hat uns das auf bestechend klare Art und Weise vorgeführt. Ein Blick in diese Zeit reicht aus, um zu sehen, was auf uns zukommt. Jede stolze Burg, die heute Ruine ist, spricht Bände über Abschottung. Die Ordnungen, ob nun Staat oder Staatenbündniss werden zerfallen. Wie das vonstattengeht, wird sich zeigen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist das, was wir eh nicht aufhalten können, mit dem wir uns aber auch neu auseinandersetzen müssen. So sehr ich auch für eine Willkommenskultur bin, so sehr ich mich von Herzen dafür engagiere, dass die Menschen, die zu uns fliehen, hier willkommen sind und keine Not mehr leiden müssen. Aber es ist Augenwischerei zu propagieren, dass wir alle integrieren könnten. Nicht in dieses alte - in unser System. Wir müssen neu denken, anders denken, denn diese Menschen haben eine ganz andere Prägung. Kommen aus einer völlig anderen Kultur.

Vielleicht sind Grenzen und Staaten überholt. So wie Großfamilien und Kabeltelefone. Vielleicht vermischen sich die Nationen wie Apfelsaft und Selters und all das geschieht so unblutig, wie einst der Mauerfall. Vielleicht aber auch nicht. Die Bilder aus Syrien und aus den anderen Ländern, in denen sich Menschen verschiedener Nationalitäten bekämpfen, zeigen uns, wie nah Krieg und Gewalt sind, denn so starr Strukturen auch sein mögen, es gibt immer noch Rückwärtsgewandte, die daran festhalten. So wie es eben Menschen gibt, die mit 70 noch auf jungen Hüpfer machen und sich dabei das Genick brechen. Vielleicht sollte ich die Rollerblades also doch lieber im Keller lassen.


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