Sonntag, 23. August 2015

Einfach und leicht - aber.

Die Fähre im Hafen von Dover
Vor ein paar Tagen bin ich mit der Fähre von Dover nach Dünkirchen gefahren. Hinter mir lagen zehn Tage Urlaub mit meinem Mann, meinen zwei Töchtern und unserem Hund. Wir sind mit dem Auto durch vier Länder gereist, haben Grenzen passiert, zwei Tage London genossen, Freunde besucht. Alles schön, inklusive dem Gefühl, das man als Erwachsener nach so einem Familienurlaub eigentlich noch eine Woche Urlaub allein am Strand bräuchte, um sich wieder zu erholen.

Darüber wollte ich eigentlich schreiben. Darüber, wie anstrengend ein Urlaub mit der Familie sein kann, vor allem, wenn man eine Tochter hat, die gerade ihre Pubertät feiert, während die andere vor acht Jahren schon pubertierend auf diese Welt gekommen ist. Dazu ein Hund, der immer da ist, Quartiere, die vier Menschen und besagten Vierbeiner auf wenigen Quadratmetern zwangsversammeln und damit all das, was Erwachsene normalerweise tun um zu entspannen, nahezu unmöglich machen. Jeder, der Kinder hat und ehrlich ist, weiß, wovon ich spreche.

Aber nun kann ich nicht mehr darüber schreiben. Glaube ich. Jedenfalls nicht so, wie ich es vorhatte, denn fast am Ende dieser Reise saß ich für einen Moment allein auf der Fähre, schaute in einen riesigen Fernseher, sah die schrecklichen Bilder aus Mazedonien und aus Heidenau und plötzlich liefen mir die Tränen über die Wangen. Ich schämte mich so für meinen Kleinmut, für meine Luxusproblemchen. Ich schämte mich, weil ich frei wie ein Vogel die Grenzen überschreiten konnte, kein Mensch mich kontrollierte (außer die Engländer) und meine Quartiere die puren Schlösser gegen das waren, was die Flüchtlinge derzeit ihr Zuhause nennen. Ich schämte mich für die Mitreisenden, die die Bilder auf dem Fernseher überhaupt nicht beachteten, die nicht hinsahen, wie so viele nicht hinsehen. Ich schämte mich dafür, dass wir nicht alle geschlossen aufstehen, gegen all diese Rassisten und Pöbler, gegen diese besorgten Bürger. Dafür, dass wir uns nicht die Hände reichen und laut sagen, dass es genug ist und dass wir gemeinsam dafür sorgen, dass so etwas nicht passieren muss. Dass kein Mensch seine Heimat verlassen muss. Egal aus welchen Grund.

Passend dazu liefen mir heute prombt zwei Zitate über den Weg.

Der Autor Neale D. Walsch schreibt in "Gespräche mit Gott" Folgendes:

"Ihr (damit meint er uns - die Menschheit) könnt die Wahl treffen, morgen die Vernichtung der Regenwälder zu beenden. (...) Ihr könnt die Wahl treffen, mit der Zerstörung der Schutzhülle, die euren Planeten umgibt, aufzuhören. (...) Ebenso könnt ihr jegliche Kriege morgen beenden - einfach, leicht. Ihr müsst euch nur darin einig sein, und das ist alles, was dazu vonnöten ist und jemals war." 

Und Nelson Mandela sagte:

"Nicht die Gewehrkugeln und Generäle machen Geschichte, sondern die Massen."

Im Grunde glaube ich daran, dass es so ist, wie Walsch und Mandela schrieben: einfach und leicht und von der Masse ausgehend. Wer von uns hätte denn Anfang 1989 gedacht, dass ein paar Monate später die Mauer fällt? Kein Mensch. Wann vertrauen wir endlich mal unserer Kraft? Wann verlassen wir uns darauf, dass wir das Zeug dazu haben, etwas zu bewegen? Ich bin es so leid, den Blick nach oben zu richten und darauf zu hoffen, dass die Politik etwas wuppt. Nein, WIR müssen den Arsch hochkriegen. Nicht nur gegen den Rassismus im eigenen Land, sondern auch gegen das, was global passiert. Ich komme immer wieder auf den Punkt. Wenn diese ätzenden Neonazis, diese Weltzerstörer ihren Arsch auf die Straße bekommen, einfach so handeln, warum dann nicht wir? Warum sind die Menschen, die ein Gewissen ihr Eigen nennen, so zögerlich? Warum sind wir solche verdammten Schisser? Organisieren nicht ein Dutzend Reisebusse, fahren nach Heidenau und zeigen, dass wir die Mehrheit sind?

Ich kenne die Antwort, aber sie gefällt mir nicht. Ich habe sie heute auf dem Blog von Oliver Schmidt gefunden und sie ist so streitbar, wie richtig: Sie lautet: Weil Masse eine Führung braucht. Auch die DDR-Revolution hatte eine Führung. Jede wirklich große Bewegung braucht jemanden, der vorangeht. Denn die Masse, also die Menschen, die wirklich etwas bewegen könnten, sind am Ende zu unorganisiert, weil der Einzelne zu egoistisch ist. Klar passiert viel Gutes, wie wir aktuell auch in der Flüchtlingshilfe sehen, aber es sind halt Grüppchen. Ich werde nie die Zeit vergessen, als ich mich für ein Nichtrauchergesetz in Deutschland stark gemacht habe. Niemals vorher und niemals danach habe ich erlebt wie Gleichgesinnte, die doch eigentlich dasselbe Ziel hatten, so vehemnt aufeinander losgingen und damit ihre Kraft schwächten. Das ist bis heute so, daher die vielen Ausnahmeregelungen in Deutschland. Aber, was rede ich lange, das Prinzip der Kräftezerstreuung kennt jeder, der jemals einen Elternabend in der Grundschule besucht hat. Kleine Individuen, die letztendlich doch die eigenen Wünsche und Vorstellungen vor das große Ganze stellen. Große Ärsche auf kleinen Stühlen.

Also doch nicht so einfach und leicht? Jein. Einfach und leicht ja, aber. Wir Menschen kommen auf diese Welt und verinnerlichen, dass es da jemanden gibt, der sagt, was getan und was nicht getan werden soll. Dieser Maßstab zählt für alle so lange, bis wir uns davon befreien. Wir müssen erwachsen werden, um wirklich etwas zu bewegen. Kollektiv erwachsen werden. Jeder für sich in seiner Zelle und damit alle zusammen. So lange das nicht geschieht, heben wir Menschen auf Podeste, die es eigentlich nicht verdient haben. Das haben wir, die wir doch eigentlich geradeaus denken, mit den Neonazis gemein. Denk mal darüber nach.

Kommentare:

Romy hat gesagt…

Danke Jeannette, ich denke! Mit jedem Artikel von Dir auch ein Stückchen mehr...

Jeannette Hagen hat gesagt…

Dankeschön, liebe Romy!