Dienstag, 4. August 2015

Abbiegen um aufeinander zuzugehen

Manchmal fließt das Leben zusammen. Dann ist es stimmig, schwingt wie ein feiner Rhythmus und wir schwingen mit. Dann sind wir offen für Neues und treten heraus aus unseren Begrenzungen. Ich hege den leisen Verdacht, dass es eigentlich immer so ist, dass wir allerdings nur in manchen Zeiten dafür aufgeschlossen sind, in anderen eher nicht. Ich hatte in den letzten Tagen viele solcher "offenen" Momente. Zwei möchte ich erzählen.


Der erste ist ganz unspektakulär. Ich gehe regelmäßig mit meinem Hund im Grunewald laufen. Es ist wie ein Ritual, alle zwei Tage schlüpfe ich in meine Laufsachen, dann weiß der Hund schon, was passiert und egal ob Sonne, Regen oder Schnee drehen wir unsere Runde. Wenn ich "unsere Runde" schreibe, dann meine ich es genau so. Es ist immer derselbe Weg, dieselbe Aussicht, dasselbe Programm. Was wiederum nicht schlimm ist - im Gegenteil. Ich mag die Strecke, der Hund kann sie im Schlaf und allein das Gefühl, Waldluft in meine Lungen zu ziehen, Bäume und Grün zu sehen, mich zu bewegen, ist schon Freude genug. Trotzdem habe ich gestern etwas ganz Verwegenes gewagt. Ich bin abgebogen und einen großen Teil der Runde andersherum gelaufen. Auch das klingt wieder vollkommen unspektakulär und doch hat es etwas Entscheidendes verändert. Meine Aufmerksamkeit. Ich war wacher, habe den Weg aus einer anderen Perspektive gesehen. Ich bin über einen Bach gelaufen, über den ich schon unzählige Male gelaufen bin, den ich jedoch wirklich noch nie bemerkt hatte, weil er genau vor einem Anstieg liegt und ich jedes Mal auf den Hügel fokussiert war und offensichtlich alles andere ausblendet habe.

Es ist kein Geheimnis, dass wir aufmerksamer und wacher sind, wenn wir etwas anders - es neu tun. Egal ob wir als Fremde einen Ort erkunden, als Fremde zwischen Fremden sind, oder vor neuen Herausforderungen stehen. Es lohnt sich allerdings, auch im Alltag für solche Momente zu sorgen. Aus Routinen auszubrechen und wenn es nur der Wechsel der Straßenseite ist. Plötzlich sieht man etwas anders und das bereichert. Unseren Alltag und uns als Mensch.

Apropos bereichern:

Am Sonntag habe ich beim Stadtteilzentrum Steglitz hier in Berlin mitgeholfen, Flüchtlinge zu versorgen, die für das Wochenende keine andere Unterkunft gefunden hatten und so spontan vom Landesamt für Gesundheit und Soziales - kurz LaGeSo - auf die Stadtteilzentren Berlins verteilt wurden. Die 17 jungen Männer, überwiegend aus Syrien stammend, schliefen auf Feldbetten in einem Raum, in dem sonst Kinder toben. Sie selbst kannten sich untereinander kaum, wir kannten sie nicht, ich kannte die anderen Helfer nicht. Verständigen konnten wir uns mit den Männern nur mithilfe von Gesten, weil niemand aus unserer Runde Arabisch sprach. Ich hatte mich spontan entschieden, mitzuhelfen, hatte allerdings - und das ist jetzt entscheidend für das, was ich erzählen will - ein wenig Angst vor dem Fremden, vor dem, was mich dort erwartete. Während ich die Abbiegung im Wald locker nehmen konnte, fing ich hier im Vorfeld an zu zweifeln. Ob ich mich da einbringen kann? Wie verständige ich mich? Was kann ich schon tun? Solche Fragen geisterten in meinem Kopf herum, noch während ich mein Auto in Richtung Kinder, Jugend- und Nachbarschaftsheim lenkte.

Und was soll ich sagen:  Alle Berührungsängste blieben auf der Strecke. Es war eine unglaublich schöne Atmosphäre und man hatte den Eindruck, dass diese jungen Männer zum ersten Mal seit Monaten die Gelegenheit hatten, richtig durchzuatmen. Ich kenne nur einen Teil ihrer Geschichten, aber was sie erlebt haben, das möchte niemand von uns erleben. Glaube mir. Und trotzdem lächelten sie. Ich stand nur staunend daneben und schämte mich für meine Bedenken. Für meine Angst vor dem Fremden, die diese Menschen jeden Tag besiegen müssen, weil sie nicht wissen, was sie erwartet. Wie ich gestern auf dem Blog vom Stadtteilzentrum lesen konnte, sind die jungen Männer am Montag früh wieder aufgebrochen, um sich hier in Berlin registrieren zu lassen und ein Asylverfahren einzuleiten. Ob das alles klappt, wo sie untergracht werden, wie lange sie bleiben können - all das weiß man nicht - wissen sie nicht. Ich kann ihnen nur von Herzen wünschen, dass sie hier in Deutschland eine gute Zeit haben. Dass sie sich überall so willkommen fühlen, wie in diesen drei Tagen in den Räumen des Stadtteilzentrums. Einer von ihnen soll zum Abschied gesagt haben, dass es die drei schönsten Tage seines Lebens waren. Als ich das gelesen habe, liefen mir die Tränen über die Wangen. Mein Gott, es braucht so wenig, um andere Menschen glücklich zu machen und wir haben so verdammt viel. Wenn wir nur offen sind. Unsere Ängste und Zweifel verjagen. Eine Abbiegung nehmen, um aufeinander zuzugehen.


Kommentare:

Sabine hat gesagt…

Raus aus der Komfortzone, rein in die Bereicherung! Mir geht es auch so: schon öfter habe ich diese Erfahrung machen dürfen, dennoch kostet es jedes Mal wieder ein wenig Überwindung. Ein schönes Erlebnis teilst Du da mit uns, deinen Leserinnen, danke! Viele Grüße, Sabine

Jeannette Hagen hat gesagt…

Herzlichen Dank, Sabine!

Jens Gantzel hat gesagt…

Schöner Artikel, liebe Jeannette Hagen.
Gegen Angst vor Fremdem, Ungewohntem hilft Kontakt. Sie haben das prima beschrieben. Ich hab mir erlaubt, Ihren Text zu rebloggen unter https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2015/08/06/mal-einen-neuen-blickwinkel-zulassen/
Alles Gute nach Berlin und ins Stadtteilzentrum Steglitz!

Jeannette Hagen hat gesagt…

Vielen Dank, lieber Jens Gantzel. Es freut mich sehr, dass meine Worte Anklang finden. Viele Grüße, Jeannette Hagen