Mittwoch, 8. Juli 2015

Die Sache mit dem Alter

Das Gegenteil von Einsamkeit
@S.FISCHER
Nächste Woche habe ich Geburtstag - und ob es mir gefällt oder nicht - ich gehe mit großen Schritten auf die 50 zu. Da passt es, dass ich aktuell die Texte von Marina Keegan höre - eine amerikanische Studentin, ein Leuchtstern am Autorenhimmel, eine junge Frau, die ihren 23. Geburtstag nicht mehr feiern konnte, weil sie bei einem Autounfall ums Leben kam. Eine, die so hinreißende Texte über das Feuer der Jugendzeit verfasst hat, dass es mich bis in die Haarwurzeln ankriecht.


"Das Gegenteil von Einsamkeit" heißt das Buch, welches nach ihrem Tod herausgegeben wurde. Die Geschichten sind - und jetzt bediene ich mich mal ausnahmsweise bei der Buchbeschreibung des Verlags, weil ich es besser nicht ausdrücken könnte: "...ein stürmisches Plädoyer für die Jugend, die Lebensfreude..." Und sie - liest man sie in meinem Alter - rütteln die Erinnerungen wach an etwas, das unwiederbringlich verloren ist.

Schon während ich die erste Story hörte, musste ich weinen. Weil bei mir mehr als 25 Jahre zwischen diesem Aufbruchsgefühl, das Keegan beschreibt und dem "angekommen sein", in dem ich mich eingerichtet habe, liegen. Weil es einfach eine verdammte Lüge ist, dass wir in jedem Moment wieder neu anfangen können, uns dieses Gefühl, diese unbändige Freiheit, all diese offenen Türen, diese rotzige Kraft der Twenties zurück erobern können. Nicht, dass ich die Jugend beneide, nein keineswegs und trotzdem ist es so, dass sich ein flaues Gefühl meldet, wenn ich darüber nachdenke, dass der Abschnitt, der vor mir liegt, kürzer ist als der, den ich schon gelebt habe. Das lässt sich nicht schönreden. Da gibt es auch keinen Trost. Das ist einfach so. Die Haut wird nicht noch einmal straff, der Mut ist nicht mehr so rebellisch, die ersten Male werden weniger, während die Panik, etwas zu verpassen, steigt.

Ich gestehe, es fällt mir schwer älter zu werden. Daran ändert auch die Tatsache, dass man einiges gelassener sieht nichts. Neulich ist mir das bekannte Zitat von Konfuzius noch einmal begegnet: „Dein zweites Leben beginnt, wenn du begriffen hast, dass es nur eines gibt.“ Ist das jetzt der Zeitpunkt für diese Erkenntnis und bringt sie neuen Schwung in das alternde Dasein? Oder ist es eher so, wie eine Freundin treffend bemerkte, dass es uns dazu anstachelt, in der zweiten Hälfte in den Selbstoptimierungmodus zu wechseln? Dass wir gierig nach Chancen greifen. Voller Ungeduld und in Hetze von jedem Stück Kuchen, das uns das Leben noch anbietet, naschen wollen, um dann irgendwann müde und ausgebrannt vor lauter Selbstoptimierungswahn in einer Ecke zu hängen. Die Tendenz dazu erkenne ich in mir. Und wenn ich mich umschaue, dann stehe ich damit nicht allein.

Ich weiß noch nicht, wie ich mich mit der Tatsache, dass schon die 48 ganz bestimmt nicht die Hälfte ist, versöhne. Ich weiß nicht, wie ich mich damit arrangiere, dass die besten Jahre vielleicht schon hinter mir liegen. Dass mein Körper sich noch mehr verändern wird, ich in die zweite Reihe treten muss, obwohl ein Teil von mir immer noch fest glaubt, die Zwanzigjährige zu sein, die wild nach vorn prescht und sich das Leben nimmt. Ich kann mich nicht anschauen und sagen: "Toll siehst du aus für dein Alter." Ich finde diesen Satz grässlich. Er trägt etwas Mitleidiges in sich. Ebenso wie all die Bücher, die die Vorzüge des Alters verkünden. Für mich klingen sie wie eine trotzige Rechtfertigung vor sich selbst und der Welt, die am Ende auch nur zeigt, dass es eben doch keine Freude macht, zu altern.

Vielleicht ist Ehrlichkeit der Schlüssel. Innezuhalten und zu verstehen, dass das Welken nunmal dazugehört. Anzunehmen, dass man traurig darüber ist. Diese Phase als Herausforderung zu betrachten, ohne in Aktionismus zu verfallen und die Kosmetik- oder Schönheitsindustrie reich zu machen. Vielleicht kommt dann irgendwann der Tag, an dem ich in den Spiegel schaue und mir die schlauen Worte der 22-jährigen Keegan wieder einfallen: "Wir haben so unmöglich hohe Ansprüche und werden den perfekten Vorstellungen von unserem künftigen Ich wahrscheinlich nie gerecht. Aber ich glaube, das ist in Ordnung."




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