Dienstag, 2. Juni 2015

Von Krisen, Büchern und vom Glück - Island

@Jeannette Hagen
Zehn Tage Island liegen hinter mir. Zehn Tage komplett ohne Alltag, ohne Routine, dafür voller Staunen, Weitblick und Nachdenklichkeit. Island ist so ziemlich das umwerfendste Land, das ich bisher bereisen durfte. Nicht nur, weil die Natur so atemberaubend schön ist, sondern weil der Geist, der dort wohnt, die Mentalität der Menschen auf eine faszinierend unaufdringliche Art dazu anstachelt, den eigenen Trott zu überdenken.


Island ist ein Land der Superlative. Kaum ein Reiseführer kommt ohne diese Floskel aus. Auf Island gibt es die meisten Vulkane, die meisten Geysire, die meisten Schafe, die meisten Gletscher - alles natürlich  "gemessen an der Einwohnerzahl", die mit ungefähr 320 000 angegeben wird. Damit leben auf Island etwa so viele Menschen wie in Bonn. Gemessen daran stimmt so mancher Vergleich.

Verlässt man in Keflavik mit all den Bildbänden im Kopf, die man vor der Reise schon durchgeblättert hat, den Flughafen, stellt sich schlagartig Ernüchterung ein. Nein, man wird nicht von flatternden Elfen begrüßt, die Vulkane liegen nicht sofort hinter der Abfertigungshalle und Keflavik hat nichts gemein mit den verträumten, buntbedachten Städtchen, die man in Islandbüchern vorher angehimmelt hat. Der Weg vom Flughafen bis nach Reykjavik, der Hauptstadt Islands gleicht eher einer Fahrt durch das Gewerbegebiet von Paderborn, würde man es in ein Lavafeld verlegen. Nun ich gebe zu, das ist übertrieben, aber - das habe ich von den Isländern gelernt - ein bisschen auftrumpfen kann man schon. Abgesehen davon, versprühen die ersten isländischen Meter wirklich einen eher spröden Charme.

Was jedoch sofort auffällt und sich auch im Verlauf unserer Reise immer wieder bestätigt hat: die Isländer sind ein wirklich freundliches und aufgewecktes Volk. Kaum einer, der nicht Englisch oder sogar Deutsch spricht und kaum einer, der nicht interessiert fragt, woher man kommt und wie einem Island gefällt. Wenn man durch die teils wirklich karge Landschaft fährt, die Geschichte Islands ein wenig kennt und sich klarmacht, dass das Leben auf Island der sprichwörtliche Tanz auf dem Vulkan ist, dann überrascht es umso mehr, wie frohgemut, glücklich und heimatverbunden die Menschen dort sind. Aber vielleicht rührt ja die Mentalität auch genau da her. Weil die Isländer eben wissen, dass nichts im Leben Bestand hat. Dass Morgen schon alles anders sein kann. Und weil das Land mehr als eine Krise überstanden hat. Das macht demütig und schweißt zusammen. Island liegt laut Glücksreport mittlerweile auf Platz 2 der Europäischen Nationen, während wir Deutschen mit unserem Glücksempfinden auf Platz 26 dahindümpeln. Und so war die Reise für mich nicht nur ein Anschauen, sondern vielmehr ein Hinfühlen und Hinterfragen. Zum Beispiel danach, woran man Glück denn misst.

Das Leben auf Island ist alles andere als leicht. Wenn wir hier in Deutschland zum Beispiel über das Wetter jammern, was sollen die Isländer dann sagen? Nach unseren Maßstäben müssten dort alle in tiefer Depression versinken, denn von November bis zum Februar wird es kaum richtig hell, in einige Täler schafft es die Sonne in dieser Zeit nie über die Bergkuppen und anschließend kann man fünf Monate nicht richtig schlafen, weil es nicht mehr dunkel wird. Das Wetter spielt manchmal so verrückt, dass man - wie eine Isländerin sagte - alle Jahreszeiten an einem Tag erleben kann. Und so war es auch. Wir hatten jedes Wetter. Vom Sprühregen und Nebel, über sommerliche Temperaturen, Hagel, frühlingshafte Frische und ein absolutes Winterwonderland bei 2 Grad Celsius. Nun ist das Wetter sicher kein Glücksgradmesser, aber es ist ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie unterschiedlich wichtig man Umstände nehmen kann.

Fahrt über einen verschneiten Pass im Osten von Island @Jeannette Hagen

Und das ist genau der Punkt, der uns von den Isländern unterscheidet. Sie machen ihr Glück nicht von Umständen abhängig. Das wäre auch fatal, denn nirgendwo sonst können sich Umstände so schnell ändern wie auf Island. Die Gefahr von Erdbeben oder Vulkanausbrüchen überrascht zu werden, schwingt permanent mit. Aber das ist es nicht allein. Einen Staatsbankrott zu überstehen, die eigene Regierung mit einer "Kochtopfrevolution" zum Rücktritt zu zwingen und sich innerhalb von sieben Jahren wirtschaftlich wieder so aufzurappeln - das verdient Anerkennung. "Wer aus dem Sturm heimkommt, der hat Erfahrung." sagen die Isländer und wir alle kennen das - wer eine Krise überstanden hat, der ist kraftvoll, ein bisschen weiser und ein bisschen weniger blauäugig. Gemeistert haben die Isländer die schwere Zeit maßgeblich durch die Rückbesinnung darauf, dass Glück nicht an materiellen Reichtum gebunden ist. Sie haben kleinere Brötchen gebacken, wieder gelernt, Regionales zu schätzen. Dazu kommt der ausgeprägte Familien- und Gemeinschaftssinn. Das gepaart mit der Erfahrung der Selbstwirksamkeit hat sie selbstbewusst werden lassen. Isländer lassen sich nichts vorschreiben. Sie sind eigen, aber deshalb nicht arrogant. Sie sind engagiert, sind dabei, wollen mitbestimmen. Und sie sind, wie sie selbst sagen, ein bisschen verrückt. Wer sonst würde eine Straße um einen Elfenfelsen oder ein Haus direkt an einen riesigen Lavastein bauen, in dem angeblich eine Huldrenmutter mit ihrem Sohn lebt? (Die Huldren gehören ebenso wie Elfen, Gnome und Trolle zum verborgenen Volk, wie die Isländer ihre Naturwesen nennen.)


Der Huldrenfelsen in Hafnafjördur @Jeannette Hagen

Wenn ich neben den vielen, vielen Erinnerungen an eine grandiose Landschaft etwas von Island mitgenommen habe, dann das, was die Isländer leben: Dinge, die man nicht ändern kann, gelassen hinzunehmen. Nicht alles so ernst zu nehmen. Im Augenblick zu sein, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Und öfter als jetzt ein gutes Buch zu lesen. Denn wie sagt der Isländer: "Lieber barfuß als ohne Buch." Und nirgendwo sonst auf der Welt werden mehr Bücher geschrieben und gelesen als auf Island. Natürlich gemessen an der Zahl der Einwohner. :-)

Wenn Du mehr über meine Islandreise erfahren oder schöne Bilder von dort sehen willst, dann folge mir doch auf meinem Reiseblog ONEDAYTRAVELER oder auf Instagram @onedaytraveler.

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