Sonntag, 28. Juni 2015

Bunt ist das neue Schwarz/Weiß

Achtung! In diesem Post geht es nicht um die wissenschaftliche Belegbarkeit von Argumenten. Es geht nicht darum, ob jemand Recht hat oder nicht und auch nicht darum, ob Grün besser ist als Rot. Hier soll es einzig und allein um etwas gehen, das mich mehr und mehr aufregt: Die Hetze gegen Minderheiten.

Gestern stieß ich in der Huffington Post auf einen Artikel zum Thema Impfpflicht. Sicher etwas, worüber man diskutieren kann. Was mich allerdings beim Lesen fast zum Platzen brachte, war die Art und Weise, wie der Journalist über all jene herzog, die sich aus welchen Gründen auch immer gegen das Impfen entschieden haben. Nun ist das Thema generell hervorragend geeignet, um Klicks und Kommentare zu fischen - wer also dafür bezahlt wird, wie jene, die für die HuffPost schreiben, tut generell gut daran, zu polarisieren. Aber das, was der Autor in seinem Text darbot, war nichts als pure Polemik, die dazu dient, eine Gruppe gegen die andere aufzuhetzen.

Damit steht er momentan nicht allein, denn Hetze gegen Minderheiten verkauft sich derzeit offensichtlich hervorragend in Deutschland. Egal ob es die Veganer, die Impfgegner, die Hochsensiblen oder die Homöopathie-Anhänger sind - gegen Menschen zu wettern, die anders sind, andere Vorlieben haben, anders denken als die graue Masse, ist en vogue.

Dabei bricht der preisgekrönte Journalist, um mal bei dem Beispiel zu bleiben, sogar sämtliche Regeln seiner eigenen Zunft, die da besagen, dass - schreibt er keine Glosse oder keinen Kommentar - die eigene Meinung in solch einem Artikel überhaupt nichts zu suchen hat. Journalistische Texte sollen informieren, nicht werten. Aber statt sich daran zu halten, zieht der Autor alle Register, die Hetzkampagnen auszeichnen. Hier die fünf beliebtesten:

Regel Nummer eins: Schere alle über einen Kamm: Impfgegner "sind wohl schlicht berauscht von ihrer eigenen bildungsbürgerlichen Biografie und glauben, dass sie das Durchblättern von ein oder zwei verschwörungstheoretischen Büchern schlauer macht als einen Mediziner mit abgeschlossener Promotion."

Regel Nummer zwei: Schüre Angst mit dem, was der Andersdenkende tut: "Nicht nur, dass Impfgegner ihre eigenen Kinder in Gefahr bringen. Sie sorgen auch dafür, dass andere in Gefahr geraten."

Regel Nummer drei: Lasse Fakten, die für die andere Meinung sprechen könnten, unter den Tisch fallen. Bei dem Text unterschlägt der Autor zum Beispiel den Umstand, dass ein großer Prozentsatz derjenigen, die in Berlin in diesem Jahr an Masern erkrankt sind, geimpft waren.

Regel Nummer vier: Unterstelle dem Andersdenken Schwachsinnigkeit: "Sie (die Impfpflicht) könnte dazu beitragen, die wirren Mythen der Impfgegner zu entlarven."

Regel Nummer fünf: Diffarmiere den Andersdenkenden, wo es nur geht und stelle die Meinung der Mehrheit als einzig heilbringende Wahrheit ins Zentrum: "Die Haltung der Impfgegner ist ein Spottgesang auf 10.000 Jahre Zivilisationsgeschichte. Was Wissenschaftler in Jahrhunderten erarbeitet haben – das ist ihnen egal. Weil sie es besser zu wissen glauben."

Noch einmal: es geht mir nicht darum, die Frage, ob Impfpflicht sinnvoll ist oder nicht, zu klären. Was der Text in der HuffPost zeigt, ist allerdings so beispielhaft für viele andere Bereiche, in denen mit verbalen Dreschflegeln auf Menschen eingedroschen wird, die es sich erlauben Standards oder das, was die Allgemeinheit als "richtig" erachtet, vielleicht kritisch zu hinterfragen. Jene, die sich mit der Haltung "So ist es, weil so war es schon immer!" eben nicht arrangieren wollen. Und das nicht, weil sie dumm sind oder einfältig, sondern weil sie für sich entschieden haben, anders zu denken, andere Wege zu gehen. Oder weil sie eben auch schlicht anders sind. Andere Hintergründe haben, sich von anderen Werten oder Beweggründen leiten lassen. Ist das ein Grund, sie zu beschimpfen? In was für einer Welt leben wir eigentlich? Du merkst, mich macht das wütend. Vor allem auch, weil ich den Eindruck habe, dass diese Art zu hetzen in Deutschland immer mehr zunimmt. Wir sind so unlässig, so starr. So angstvoll verhaftet in unserem Denken und Handeln. So rechthaberisch. Was ich mir wünsche, ist ein wenig mehr Gelassenheit im Umgang miteinander. Das ist für mich der einzige Weg, der es ermöglicht, wieder aufeinander zuzugehen um letztendlich Lösungen für die wichtigen Probleme unserer Zeit zu finden. Nur so können wir voneinander lernen. Alles andere führt in Sackgassen und letztendlich zu noch mehr Aggression. Und davon haben wir wahrhaftig schon genug. Also Leute, auch im Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen:

Bunt ist das neue Schwarz/Weiß!
Nur der Vollständigkeit halber hier der Link zu besagtem Artikel: HuffPost 

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