Samstag, 6. Juni 2015

Das Neue im Alten

Seit ich wieder in Berlin bin, habe ich jede Nacht von Island geträumt. Von der Landschaft, vom unterwegs sein, von der Weite. Island fehlt mir. Wie ein guter Freund, den man für einige Tage gesehen hat, mit dem man sich wohlgefühlt und ausgetauscht hat, den man dann aber wieder ziehen lassen muss. Und plötzlich ist da Leere.


Dabei gibt es in meinem Leben eigentlich gar keinen Platz für Leere. Zumindest habe ich ihn vorher nicht wahrgenommen. Trotzdem ist sie da. Ich kenne das Gefühl schon von meiner Russlandreise 2013. Damals war ich nach der Rückkehr ähnlich zerissen. Es war, als ob die Seele länger brauchte, um wieder heimzukommen.

Robert Walser, ein Schriftsteller aus der Schweiz hat mal gesagt: "Man passt dahin, wonach man sich sehnt." Ich sehne mich nach Island. Vielleicht aber auch nur nach mir in Island. Nach dem Ich, das staunend ein neues Land entdeckt hat, das offen und neugierig alles aufsaugte. Das sensibel die Fremde berührte, freudig und ausgelassen den Moment erlebte. Jetzt ist dieses Ich wieder in seinem Alltag. Schmiert Schulbrote und geht mit dem Hund Gassi. Und ist trotzdem noch in einer Art Zwischenraum gefangen. Obwohl ich zurück bin, bin ich weder hier noch da. Ein seltsamer Zustand. Darum wahrscheinlich die Träume.

Darum aber auch das Reisen. Es weckt mich auf. Nicht nur währenddessen, sondern auch danach. Es schüttelt mich aus meinem Trott, hält mich offen. Man lernt nicht nur ein Land kennen. Wenn man verreist, lernt man auch viel über sich. Oder entdeckt etwas, das schon immer da war, nur im normalen Leben keinen oder eben nur wenig Raum einnehmen kann.

Was mich an Island so fasziniert hat, war das Quentchen Unberechenbarkeit. Mein Leben hier ist so strukturiert. Ich weiß, was kommt, jedenfalls bewege ich mich in diesem Glauben der Vorhersehbarkeit. Dort war das anders, trotz festgelegter Reiseroute und vorgebuchten Unterkünften. Weil sich hinter jeder Kurve, hinter jedem Pass etwas Neues auftat, mit dem ich nicht gerechnet habe. Das ist die Qualität von Island. Dieses Land überrascht. Nun gilt es das in mein Leben zu holen. Mich selbst zu überraschen, überraschen zu lassen. Die Erwartungen beiseite zu schieben, die unser Alltagsleben so absehbar, so übersichtlich machen. Den Rebell herauszulassen, den Entdecker. Dabei will ich nicht ausbrechen und von vorn anfangen. Kein Nomade werden, der das Glück nur in der Bewegung findet. Ich will keinen Bruch, keinen Neubeginn. Ich will das Neue im Alten. Die Transformation der Gewohnheit. Und ich will das hier und jetzt.

Weil morgen kann schon alles anders sein. 

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