Mittwoch, 13. Mai 2015

Wahrer Reichtum

Heute morgen überraschte mich der Coach Veit Lindau mit einem schönen Gedankenspiel. "Wenn alles, über das du normalerweise Anerkennung und Bestätigung beziehst, aus deinem Leben verschwinden würde… Arbeit, Erfolge, Karriere, Anerkennung, Familie, Haus, Auto, Wertgegenstände… – wüsstest du dann immer noch, wer du bist?"


Ich habe tief durchgeatmet, die Augen geschlossen und mir die Frage noch einmal auf der Zunge zergehen lassen. "Wenn alles, über das du normalerweise Anerkennung und Bestätigung beziehst, aus deinem Leben verschwinden würde… Arbeit, Erfolge, Karriere, Anerkennung, Familie, Haus, Auto, Wertgegenstände… – wüsstest du dann immer noch, wer du bist?"

Nein.

So mein erstes Resumee. Als nächstes fiel mir Jihad ein. Der junge Mann aus Syrien, den ich vor ein paar Tagen getroffen habe. Als er hier in Deutschland ankam, hatte er nichts. Weder seine Familie um sich, noch Geld in der Tasche, keine Arbeit, kein Auto, überhaupt keinen materiellen Besitz bis auf die Klamotten, die er bei der Flucht am Leib trug. Ist er deshalb nichts? Natürlich nicht. Er ist der Davongekommene. Der Überlebende. Der, der es geschafft hat, dem alltäglichen Wahnsinn in Syrien zu entfliehen. Er ist ein Mensch mit einer Seele. Mit Träumen, Wünschen und Hoffnungen und mit vielen Talenten und Fähigkeiten.

Also noch mal tief atmen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, ohne meine Kinder zu sein. Denke an das seltsame Gefühl, das mich beschleicht, wenn wir ein paar Tage getrennt sind. In den ersten Stunden höre ich immer noch ihr Lachen, habe ich ihre Stimmen im Ohr. Später dann merke ich, wie ich mich ausdehne, meinen Raum vergrößere und mich darin neu justiere. Das funktioniert. Und es ist auch ein schönes Gefühl. Schließlich hatte ich ja auch mal ein Leben vor den Kindern. Ein Leben, in dem ich mich nicht mit der Frage beschäftigen musste, ob ich in einen Lehrmittelfond einzahle. Ob ich meiner Tochter Instagram verbiete, weil sie ihren Wert anhand von "Gefällt mir" Klicks misst. Ein Leben in dem ich nicht durch die Wohnung gegangen bin und schmutzige Kindersocken, ausgegessene Quarkbecher und klebriges Bonbonpapier von Schreibtischen eingesammelt habe.

Und die materiellen Dinge? Die Wohnung, das Auto, alles, was sich über die Jahre angesammelt hat? Bin ich das? Ist das ein Teil von mir? Definiere ich mich darüber? Mein Haus, mein Auto, mein Boot? Nein. Vielleicht ist das eins von den Geschenken, die ich durch die Erfahrung "Ausreise" bekommen habe. Ich habe die ehemalige DDR damals mit Handgepäck verlassen. Mit einer Sporttasche in der einige Sachen waren, die ich für die nächsten Wochen brauchte. Alles andere blieb zurück und kam erst einige Wochen später nach. Und ganz ehrlich - ich habe nichts vermisst. Einige Kisten habe ich nie wieder ausgepackt. Es war wie in dem Film "Eat Pray Love" als die Protagonistin staunend vor dem Container stand, in dem ihr Hab und Gut verstaut war, sich wunderte, dass ihr gesamtes Leben dort hineinpasste und der Angestellte nur ganz trocken bemerkte: "Ja und die meisten Leute holen es nie wieder ab." Natürlich ist es schön, Vertrautes um sich zu haben. Aber - und damit komme ich der Frage von Veit langsam auf die Spur - mich darüber definieren, nein, das tue ich nicht. Ich bin auch ich ohne den ganzen Plunder.

Beim Thema Arbeit komme ich allerdings ins Straucheln. Ich bin die, die schreibt - das ist etwas, mit dem ich mich gern schmücke. Wie sagte der Autor Andreas Altmann mal: "Nimm mir das Schreiben weg und ich wüsste nicht, was ich tun sollte." Ganz so schlimm ist es nicht, ich habe drei Berufe gelernt, könnte in jedem problemlos arbeiten. Es ist nur so, dass mir etwas fehlt, wenn ich nicht schreibe. Es gehört einfach zu mir. Ich würde auch schreiben, wenn ich als Krankenschwester arbeiten würde. Ich würde auch schreiben, wenn alles andere wegbrechen würde. Gerade dann. In meiner Coachingausbildung tauchte mal die Frage auf, ob es eine Sache gibt, die wir selbst dann tun würden, wenn sie überhaupt keinen Erfolg, kein Geld versprechen würde. Ich weiß, das ist jetzt viel Konjunktiv, aber bei mir ist es ganz klar das Schreiben. Es ist zweckfrei und vielleicht genau aus diesem Grund so schön. Etwas das mich begleitet, mich ausmacht. Ein großes Glück und lieber Herr Altmann - etwas, das man mir gar nicht wegnehmen kann.

Komme ich also noch einmal zu Veits Frage zurück, dann lautet meine Antwort: Ja, ich weiß, wer ich bin. Die, die gern lacht, gern schreibt, gern tanzt. Ich bin die, die gern draußen ist, die Tiere und Natur mag. Die Menschen liebt, die gern Kinder um sich hat. Ich bin die, die gern ausbricht, neugierig ist und dankbar für das, was ihr begegnet. All das ist da - ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Auto, ohne Erfolg.

Und Du? Wie sieht es mit Dir aus? Weißt Du auch, wie reich Du bist?







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