Dienstag, 21. April 2015

Nachtgedanken

Der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Mein Bildschirm ist nicht mehr hell, sondern beige, weil er sich augenfreundlich dem Licht anpasst. Draußen vor meinem Fenster singt ein Amselhahn und höre ich ihm zu, dann ist es, als würde er mir von meinem Leben erzählen. Von all dem, was mich beschäftigt.


Dann sehe ich noch einmal die Sonne, die mich heute gewärmt hat. Rieche die Frühlingsluft. Nehme wahr, wie es überall grünt und blüht. Sehe mich, wie ich mit einer Hundeleine in der einen, einem Kind an der anderen Hand durch unseren Kiez schlendere. Sehe die Menschen vor den Restaurants sitzen. Am Eisladen anstehen. Sehe, wie sie die Wärme genießen, das Essen, das Leben.

Viel geht mir durch den Kopf. Es scheint, als spiegle sich die Schnelligkeit, mit der die Welt sich dreht, in mir. In meinen Gedanken. "Was ist wirklich wichtig?" ist eine Frage, die das Karusell kaum noch zum Anhalten zwingt, denn alles scheint wichtig, alles drängt sich vor, alles will sein. Angeschaut, beachtet, registriert werden. Schwer, dabei oben zu bleiben. Die Übersicht zu behalten. Auszusortieren.

An so einem Tag wie heute fällt es mir leicht. Da gibt die Muße den Takt an. Kalter Wein, der im Glas perlt, die Kinder, die mit Kreide große Bilder auf den Boden malen, der Hund, der sich einfach ablegt und die Wärme genießt. Hier das Kleine, im Kopf das Große.

Ich will mich öffnen, höre ich mich am Telefon sagen. Vom ICH zum WIR. Raus aus meiner puschligen Gemütlichkeit, raus aus den Schubladen. Mich berühren lassen, mich erschaudern lassen, mich aufrütteln, mich leben lassen. Wann hattest Du Dein letztes Erstes Mal? Wann hattest Du das letzte Mal das Gefühl, richtig tief berührt worden zu sein? Überlegst Du noch? Und siehst Du - das ist es. Ich will nicht mehr nachdenken müssen, ich will es jetzt. Jeden Tag. Und mich trotzdem über den Brunnen am Platz freuen.

Vor einiger Zeit sagte jemand zu mir, dass man im Leben doch auch mal an den Punkt gelangen sollte, wo man aufhört nach etwas zu suchen, sich immer zu sehnen. Ja, meine Liebe. Wenn ich an diesen Punkt komme, dann schließe ich die Augen und atme ein letztes Mal aus. Ich hoffe, bis dahin habe ich noch viel Zeit. Bis dahin weiß ich, dass ich jeden Tag etwas ändern kann. Mich ändern kann. Das Leben anderer bereichern kann. Eine neue Perspektive einnehmen kann. Die Frau, die auf der Straße die Motz verkauft und die ich bisher kaum angesehen habe, endlich mal anzusprechen, meine Vorbehalte über Bord zu werfen, statt immer neue zu sammeln und mir damit meine Wände zu tapezieren, das ist ein Ziel. Dem Piano-Mann in Yarmouk zu helfen, obwohl ich ihn nicht kenne. Zu weinen, wenn mich das Leid dieser Welt anfrisst und trotzdem den Tag zu genießen, denn es ist mein Tag. So will ich leben.

Der Amselhahn hat aufgehört zu singen. Die Stadt wird leiser, die Farben verschwinden. Ich freue mich auf Morgen. Darauf, dass wieder alles erwacht. Dass sich die Erde weiterdreht und ich mich mitdrehen darf. Am 22. April, am Tag der Erde. Ich werde innehalten.


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