Donnerstag, 27. November 2014

#Zivilcouragehilft

#Zivilcourage - vielleicht kennst Du diesen Hashtag bei Twitter schon. Er fasst alle Beiträge zusammen, in denen es um die junge Frau geht, die vor einer Woche ins Koma geprügelt wurde, weil sie zwei Mädchen, die von einer Gruppe Männern belästigt wurden, helfen wollte. Tuğce Albayrak ist ihr Name, gestern haben die Ärzte sie für hirntot erklärt. Morgen, am 28.11.2014 wäre sie 23 Jahre alt geworden.

Abgesehen davon, dass mich das Schicksal dieser Frau berührt und erschüttert, stelle ich mir natürlich die Frage, ob Zivilcourage in der heutigen Zeit, wo viele Menschen immer aufbrausender, immer gewaltbereiter sind, noch angesagt ist. Die Fälle, bei denen jene, die mutig sind, mit ihrem Leben dafür bezahlen, häufen sich. Will man dazu gehören? Will man auch einer von denen sein, die eingreifen und dafür selbst angegriffen werden?

Ich für mich kann das mit einem klaren JA beantworten. Ich will nicht wegsehen. Wir brauchen Menschen, die Zivilcourage zeigen. Wir brauchen Menschen, die Zeichen setzen, die demonstrieren, dass Gewalt nicht der Weg ist. Wir brauchen den Mut, für andere da zu sein, einzustehen, nicht wegzuschauen, wenn Unrecht geschieht.

Wer sich in den letzten 24 Stunden in den sozialen Netzwerken bewegt hat, dem wird aufgefallen sein, wie groß die Welle des Mitgefühls und der Solidarität für Tuğce Albayrak ist. "Tuğçe zeigte Zivilcourage, zeigen wir Ihr unseren Respekt", heißt eine Facebook-Seite, die extra eingerichtet wurde und der mittlerweile (Stand 21:59 Uhr) bereits  68.830 Menschen folgen. Dazu gibt es auf Youtube ein Video, das ich gern teile, weil es die große Solidarität, Liebe und Verbundenheit zeigt, die Freunde und Bekannte der jungen Frau entgegenbringen.

http://youtu.be/29jFgnFXAaQ

Wir dürfen nicht wegschauen. Wir dürfen nicht zusehen, wie anderen Leid zugefügt wird. Wir dürfen nicht abstumpfen, zu Gaffern werden oder uns feige verstecken.  Wir alle sind es, die eine Gesellschaft prägen und das Problem fängt doch schon weit vor dem eigentlichen Gewaltakt an. Statt jetzt den einen verbal zu meucheln, der zweifelsfrei eine gerechte Strafe verdient hat, sollten wir uns damit auseinandersetzen, wie es kommt, dass immer mehr Jugendliche - vor allem Jungen - ihre Aggressionen nicht mehr unter Kontrolle haben. Menschen, die in einer liebevollen Umgebung aufwachsen, die Zuwendung und Liebe von beiden Elternteilen bekommen, werden nicht gewalttätig. Was läuft also schief?

Die Antwort auf diese Frage, sprengt sicher den Rahmen dieses Post's, aber ich kenne einige Punkte, seit ich mich - berufsbedingt - mit dem Thema Vaterentbehrung auseinandersetze, die in diesem Zusammenhang sicher von Bedeutung sind. Es ist der Vater, der dem Kind in verschiedenen Entwicklungsphasen hilft, die eigenen Grenzen und die der anderen zu erkennen und zu respektieren. Und es ist der Vater, der maßgeblich an der Ausbildung jener inneren Instanz mitwirkt, die wir als Gewissen bezeichnen.

Lege ich diese Schablone über die Realität unserer Gesellschaft, dann komme ich nicht daran vorbei, mir die Frage zu stellen, ob wir die Rolle, die wir den Vätern zugestehen, in einem neuen Licht betrachten sollten. Denn wie steht es um Familien, um die Rollenverteilung? Wie viele Ehen werden geschieden, wie viele Kinder wachsen bei nur einem Elternteil - meist bei der Mutter auf? Wie viele Kinder müssen - aus welchen Gründen auch immer - auf die Anwesenheit des Vaters verzichten? Es geht mir nicht um Wertung. Nicht darum, wer es besser macht oder besser kann. Es geht darum, dass über 80 Prozent der Straftäter von Vaterentbehrung betroffen sind. Das ist ein Fakt. Und ich finde, das ist ein ziemlich deutlicher Hinweis auf eine Entwicklung, die uns in den nächsten Jahren wohl zwangsläufig um die Ohren fliegen wird.

Dann wird die Liste derer, die Opfer dieses Geschehens sind, länger und länger. Damit ist für mich klar, dass Zivilcourage weit vor dem eigentlichen Akt des Helfens beginnt - in dem wir zum Beispiel den Mut aufbringen, uns im Falle einer Trennung dafür einzusetzen, dass unsere Kinder, die ja schon die Eltern als Gemeinschaft verloren haben, nicht auch noch den Vater verlieren. In dem wir für unsere Kinder eine stabile Basis sind, Eltern, auf die Kinder sich verlassen können und die ihnen Liebe und Geborgenheit schenken. Das wäre ein Anfang.

Ich bin sicher, dass Tuğce Albayrak solch eine Basis hatte. 

Kommentare:

Windsprite hat gesagt…

Hmm, gerade kam das in der Tagesschau

Sadie´sGedankenfülle hat gesagt…

Es ist einfach unglaublich, eine junge Frau, die helfen will, muss mit dem Leben bezahlen.
Man kann es gar nicht verstehen, ich stelle mir immer vor: "Das könnte meine Tochter sein, die auch immer für schwächere einsteht"
Schlimm.
Ich wünsche dir ein besinnliches Adventwochenende.
Sadie

Windsprite hat gesagt…

Ich möchte etwas themathisch völlig unpassendes anbringen: Ich habe dich getaggt... Ich hoffe du bist mir deswegen nicht böse ;-) Wander-Tag