Sonntag, 9. November 2014

Eine Mauergeschichte

25 Jahre ist es her, da wurden die Grenzen, die Deutschland in zwei Hälften teilten, geöffnet. Was heute steht, ist eine Lichtergrenze, die uns daran erinnert. Die uns erinnert, dass Menschen eingesperrt waren, dass Menschen ihr Leben gelassen haben, aber auch daran, dass wir immer präsent haben sollten, dass Freiheit ein hohes Gut ist.

Ich kann da aus eigener Erfahrung sprechen. Habe ich doch im Ostteil dieser Stadt – direkt mit dem Blick auf die Mauer – den größten Teil meiner Kindheit verbracht. Sie war immer da, war Teil meines Lebens. Ein Leben, dass sich rein gefühlsmäßig in den wesentlichen Teilen wahrscheinlich nicht sehr von dem der Kinder auf der anderen Seite der Grenze unterschieden hat. Ich habe als Kind nicht darunter gelitten ein Kind der DDR zu sein. Die Fragen kamen erst, als Freunde meiner Eltern inhaftiert wurden, weil sie versucht hatten, in den Westen zu fliehen. Irgendwann habe ich realisiert, dass meine Freiheit begrenzt war. Dass ich nicht überall hinreisen durfte, dass es nicht gern gesehen wurde, wenn man Westverwandtschaft oder -bekanntschaft hatte. Und dass die Unterschiede zwischen Ost und West doch wohl größer waren, als ich bislang dachte.

Ich habe die DDR am 9. Februar 1989 also ein halbes Jahr vor Maueröffnung per Ausreise nach zweieinhalb Jahren Wartezeit verlassen. Zweieinhalb Jahre in denen ich den Unrechtsstaat DDR in allen Facetten kennenlernen durfte.

Heute war ich am Mauerpark, dort wo ich einst gewohnt habe. Ich habe mir die Lichterkette angeschaut und meinen Kindern, die alle drei nach dem Mauerfall geboren sind, die Geschichte erzählt. Meine 13-Jährige Tochter lief neben mir und fragte mich, wie es mir damals ging, als die Mauer fiel und genau, als sie die Frage gestellt hatte, standen mir wieder die Tränen in den Augen – so wie immer, wenn ich an diese Zeit denke. Tränen der Freude, der Rührung, der Dankbarkeit.
Ich sehe mich am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße stehen, fühle noch genau, wie ich mich damals gefreut habe. Mit jedem Menschen, der über die Grenze kam. Es war ein Fest, es war etwas, das man so schwer in Worte fassen kann, weil es unfassbar war.

Natürlich wurde mir bewusst, dass jetzt alle, die mich zuvor wegen meines Ausreiseantrags schikaniert hatten, auch über die Grenze spazieren konnten. Einfach so und natürlich hat mich das wütend gemacht. So wie es mich heute noch wütend macht, wenn ich merke, dass Menschen einfach ihr Fähnchen drehen und so tun, als wäre nichts gewesen. Aber was damals überwog und heute immer noch überwiegt, waren Gefühle der Freude, Glück und Stolz und Hochachtung. Hochachtung vor allen Menschen, die für ihre Freiheit auf die Straße gegangen sind. Die es geschafft haben, ein Staatssystem auf friedlichem Wege zu kippen.

Als ich heute den ehemaligen Mauerstreifen entlang gegangen bin und all die verschiedenen Sprachen gehört habe, die vielen Menschen gesehen habe und beobachtet habe, wie selbstverständlich alles zusammengewachsen ist, da war ich einfach nur glücklich und dankbar. Freiheit ist ein hohes Gut, das sollten wir nie vergessen.

1 Kommentar:

Jutta.K hat gesagt…

Ich habe im Fernsehen viele Dokumentationen über die von dir geschilderten Momente gesehen. Teils als spannenden Film, telis als Reportagen.
Ich fand es sehr ergreifend auch und obwohl ich hier im " Westen " lebe, kann ich schon nachvollziehen, wie emotional und bedeutungsvoll dies Zeit war, zumindest versuche ich es.
Auch ich war gerührt und hingerissen von all den Menschen, die sich vor Freude um den Hals fielen, obwohl sie sich nicht kannten.
Heute bin ich oft erstaunt und manchmal auch entsetzt, wie doch noch Grenzen innerhalb der Herzen und des Verstandes zu existieren scheinen.
Das kann ich nicht verstehen !
Deutschland ist endlich wieder ein Volk, ist das nicht herrlich ?
Wir sollten es endlich auch würdigen.
Danke für deinen Beitrag hier.
Herzliche Grüße
Jutta