Freitag, 10. Oktober 2014

Was ist ein Abenteuer?

Die Frage stellt der 18 Jährige Jannis auf seinem Blog Jannis' Life und ruft zur Blogparade auf. Ich schaue mir an, welche Länder er schon bereist hat, wie viel Abenteuer er schon erlebt hat und fühle mich eingeladen, als eine, die seine Mutter sein könnte, ihm meine Version vom Abenteuer zu erzählen.


Lieber Jannis,
als ich so alt war wie Du, gab es noch eine Mauer. Wir glaubten zu wissen, was dahinter lag. Ein Teil von Deutschland, der goldene Westen, das Land, in dem es Dinge zu kaufen gab, die so unglaublich gut rochen und schmeckten. Ein Land, in dem man Jeanshosen kaufen konnte, ohne sich ewig anstellen zu müssen und wo die Menschen reisen konnten, wohin sie durften - einfach so. Ein Abenteuerland, meine Vorstellung von Freiheit.

Als Kind zog es mich immer nach Australien. Ich wollte unbedingt dorthin, nicht um das Land zu entdecken, sondern wegen der bunten Wellensittiche. Jemand hatte mir erzählt, dass sie dort in Scharen über die Felder fliegen. So wie hier bei uns die Spatzen. Das hat mich fasziniert. Ich bin mit dem Finger immer wieder auf dem Globus meiner Großmutter nach Australien gereist, habe mir vorgestellt, wie es wohl dort ist und war unglaublich wütend darüber, dass ich nicht einfach ins Flugzeug steigen konnte, um mir meinen Traum zu erfüllen.

Ich war bis heute nicht dort. Habe die Scharen nie gesehen. Weil das Leben manchmal andere Wege geht, weil wir unsere Träume verraten oder für billiges Geld verkaufen. Oder weil wir plötzlich merken, dass es nicht mehr wichtig für unser Leben ist. Warum ich soweit aushole, fragst Du Dich vielleicht. Was das alles mit Deiner Frage nach dem Abenteuer zu tun hat.

Ziemlich viel, denn ich habe im Laufe der Jahre verstanden, dass das Abenteuer, das uns als solches verkauft wird und nach dem sich viele sehnen, gar nicht das wahre Abenteuer ist. Natürlich erleben wir hier und dort auf Reisen vieles, das sich wie Abenteuer anfühlt. Das den Thrill, den Kick bringt, uns vor Angst und Freude erschaudern lässt oder in Staunen versetzt. Laut Wikipedia gelten Expeditionen in ein unbekanntes Land als Abenteuer. Als ich jedoch noch vor Maueröffnung in den Westen kam, war alles neu, alles unbekannt und doch war die Enttäuschung groß, als ich merkte, dass das Drumherum zwar ein anderes war, ich selbst aber nicht. Insofern blieb von dem Abenteuer Westen nicht viel übrig.

Um Abenteuer zu erleben, müssen wir Grenzen überschreiten. Nicht immer sind sie kartographischer Natur. Meine größten Abenteuer waren immer die Momente, in denen ich meine persönlichen Grenzen überschritten habe. In denen ich mich getraut habe, etwas zu wagen, etwas loszulassen, etwas aufzugeben oder mir etwas zu nehmen, von dem andere meinten, dass es mir nicht zusteht, oder sich nicht gehört. Manchmal hieß Abenteuer aber auch, mich beschenken zu lassen. Von einem Menschen, einem Lächeln, einem Land, von diesem Leben.

Innere Grenzen schränken ein und markieren eine kuschlige Komfortzone, die das Dilemma in dem man steckt, mit Gemütlichkeit und Gewohnheit tarnen. Manch einer killt diese Grenzen, in dem er reist. Ich habe sie bewältigt, in dem ich mich immer wieder aufs Neue mit mir selbst auseinandergesetzt habe. In mein Inneres gereist bin. Mich immer wieder hinterfragt habt, mich all dem, was in mir war und ist, gestellt habe. Was für ein Abenteuer, sage ich Dir, was für ein unbekanntes Terrain betreten wir, wenn wir uns selbst begegnen. Uns den Wahrheiten und Kleinlichkeiten unseres Daseins stellen, nicht die Augen vor all dem verschließen, was in uns ist.

Vieles, was man erkennt, findet man zum Kotzen. Anderes soll einen lebenslang begleiten. Die Höhen und Tiefen, die man durchlebt, gleichen einer Wanderung über die Alpen. Manchmal möchte man alles hinschmeißen, sich in den Schnee knien und einfach nur sterben und manchmal steht man oben auf dem Gipfel und möchte weinen vor Glück, weil sich das Leben so groß, so gigantisch, so lebendig anfühlt.

Wer Abenteuer erleben will, darf nie aufhören zu staunen. Über sich selbst, über die Wunder, die uns Menschen ausmachen. Er darf seine Neugierde, auf das "erste Mal" nicht begraben. Allein diesen Text zu schreiben, fühlt sich wie ein Abenteuer an. Weil ich abtauche, Dich sehe, mir vorstelle, wie Du Dein Leben lebst, Dich für Deinen Mut bewundere, einfach aufzubrechen und mich gleichzeitig frage, wie viel davon noch in mir steckt. Heute, wo ich "die Schäfchen im Trockenen habe" und das Abenteuer doch lieber der Jugend überlassen sollte.

Nein, keinesfalls. Ich werde nie aufhören, nach dem Rausch zu suchen. Mich nicht in gesellschaftliche Schubladen zwängen lassen, oder denen glauben, die meinen, sie wüssten, was für mich das Beste wäre. Weil ich das Recht habe, nach meinem eigenen Abenteuer zu suchen. Jeden Tag aufs Neue. Weil es so verdammt viel Spaß macht lebendig zu leben.

Danke für die Anregung, darüber mal nachzudenken!

Liebe Grüße,
Jeannette

1 Kommentar:

Björklunda hat gesagt…

Hallo Jeannette,
danke für den tollen Artikel. Ich bin durch die Blogparade von Jannis auf ihn gestoßen und ich kann dir nur zustimmen: Es ist nicht das ABENTEUER was uns von anderen verkauft wird, sondern das was wir selbst erleben und so ist eigentlich das ganze Leben ein einziges Abenteuer. Denn niemand weiß, auch wenn man noch so gut plant, wie das Morgen aussehen wird...
Liebe Grüße Heike