Montag, 8. September 2014

Sein oder Haben?

Morgens an der Elbe
Neulich gab es mal wieder in vielen Zeitungen das Ranking der reichsten Deutschen. Zwei Dinge fallen mir dazu ein - meinen die nicht wohlhabend statt reich? Und dann: Wie viel braucht der Mensch wirklich?


Keine Angst, dies wird kein Abgesang auf den Konsum oder das Geldverdienen. Ich mag beides sehr gern. Wenn ich aber lese, wie viele Milliarden Dollar oder Euro diese Menschen besitzen und wenn ich dann in die Gesichter schaue, bin ich ziemlich sicher, dass reich nicht gleich reich ist.

Ich fühle mich reich. Und das ist kein esoterisches, positives Gequatsche, sondern das meine ich ernst. Ich habe so viel mehr, als ich brauche. Das ist mir nicht immer bewusst, aber ab und an blitzt es auf und dann ziehen die Gedanken in meinem Hirn Spiralen, die stets mit der Sein- und Sinnfrage enden.

Gestern zum Beispiel wollte ich die Fotos vom Wochenende hochladen. Plötzlich wird der Bildschirm schwarz, ich startete neu und schwuppdiwupp (das Wort steht wirklich im Duden) - wie von Geisterhand waren alle Bilder weg. Und wenn ich "alle Bilder" sage, dann meine ich die gesammelten Werke von zwei Jahren. Der Zugriff wurde mir verweigert (nie mehr iPhoto), da half auch kein Betteln und kein Flehen.  Das tat weh.

Nun war es schon nach 23:00 Uhr, ich war hundemüde und hatte trotz des beengten Gefühls im Brustraum, ob des vielleicht unwiederbringbaren Verlustes, keine Lust mehr, Hilfethemen zu wälzen, Backups zu überprüfen und zu werkeln. Und siehe da, während ich das losließ, veränderte sich etwas in mir. Ich lag im Bett und fragte mich: Würden mir die Bilder wirklich fehlen, wenn sie weg wären? So richtig? So mit Schmerzen? Schade wäre es, aber wirklich fehlen... eigentlich nicht. 

Plötzlich war ich wieder hellwach, denn nun wollte ich wissen, was mir denn überhaupt wirklich wirklich fehlen würde. Ich scannte meinen Besitz durch und kam zu dem Schluss: nicht viel. Einiges vielleicht für den Moment, aber irgendwann dann nicht mehr. Ich dachte an meine Ausreise nach Westberlin. Daran, wie es war, die persönlichen Sachen, die vorher "mein ein und alles" waren, ein halbes Jahr später auszupacken und zu merken: sie haben mir nicht gefehlt. Seltsames Gefühl.

Im Grunde geht es doch nur darum, die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Das ist leicht getan und braucht nicht viel. Alles darüber hinaus ist Luxus. Oder Ballast - die Grenze ist fließend.

Was habe ich davon, wenn ich in zwei Jahren über 9000 Fotos sammle? Eine schöne Erinnerung? Die habe ich auch in meinem Kopf. Dafür brauche ich nicht einmal eine externe Festplatte, kein Backup, keine doppelte Sicherung. Ich halte Besitz immer mehr für eine Krücke. Ein gebasteltes Selbst. Wir Menschen definieren uns über den Status. Über das Haben. Und vergessen dabei viel zu oft das Sein. Dabei liegt dort das Glück, nach dem wir streben.

Weißt Du, was mich in den letzten 48 Stunden so richtig glücklich gemacht hat? Morgens barfuß über eine feuchte Wiese zu laufen und nach ein paar Metern an der nebelverhangenen Elbe zu stehen, zu staunen und zu wissen, dass mir nichts und niemand diesen Moment nehmen kann.  Keine Handtasche, kein Auto, kein Fernseher dieser Welt kann mir das geben.

Und die Konsequenz aus all dem? Die heißt: Aussortieren. Und zwar gnadenlos. Nicht nur Fotos. Auch sonst gibt es viel, worauf ich gut und gern verzichten kann. Auch wenn ich mich gern mit schönen Dingen umgebe - ich möchte König sein, nicht Diener. Ich möchte leben und nicht verwalten. Und dann sehen wir mal.

Wie geht es Dir? Ist es eine Frage des Alters, dass die Perspektive sich vom Haben zum Sein verschiebt? Wann hast Du Dich das letzte Mal von unnötigem Ballast befreit?

Kommentare:

Jutta.K hat gesagt…

Donnerwetter, das war mal eine Ansage nach meinem Geschmack!
Gerade habe ich in meinem Blog " Gedankensplitter " eine To-Do -Liste eingesetzt, die mich selber überrascht hat. Denn ich habe gemerkt, wie ich doch zufrieden bin und mir nur noch relativ kleine dinge vorzunehmen habe, die ich mal machen möchte-noch- machen möchte.
Und das mit dem ganzen Konsum und den lange angesammelten Altlasten , da bin ich derzeit auch am exerzieren !
Weg und befreien, das ist das Motto.
Sicher, es gibt so ein paar Sachen, an denen mein Herz hängt, die behalte ich auch, aber ansonsten wird kurzer Prozess gemacht und das befreit wirklich.
Herzliche Grüße
Jutta

Renate Blaes hat gesagt…

Ende Mai hat die Tierärztin bei meiner geliebten Katze Lili eine tödliche Krankheit diagnostiziert und ich rechnete damit, ihre Gegenwart nur noch wenige Wochen genießen zu können.
Heute haben wir den 11. September, und meine geliebte Lili liegt neben mir auf dem Schreibtisch und schläft. Sie futtert mit Appetit und geht immer noch gern in den Garten. Und abends, wenn ich auf dem Sofa sitze, liegt sie auf meinem Schoß. Dabei streichle ich immer wieder ihr weiches Fell und bin dankbar, dass sie immer noch mein Leben bereichert. Und das ist wörtlich zu nehmen. Denn diese kleine Katze macht mein (Gefühls)Leben wirklich reich.
Und was das Ballast abwerfen betrifft, so räume ich regelmäßig meine Wohnung auf und trenne mich von Gegenständen, die ich nicht mehr benötige (und vermutlich nie benötigt habe). Danach so einer Befreiungsaktion geht es mir regelmäßig besser.
Und ja: Geld zu haben fürs Überleben, ist gut und wichtig. Luxus allerdings brauche ich nicht. Im Gegenteil, ich finde ihn mittlerweile albern und kann immer wieder nur grinsen, mit welch teuren und völlig überflüssigen Dingen manche Menschen sich "schmücken".
Viele Grüße vom Ammersee