Dienstag, 23. September 2014

Ein Abend voller Leben - Purple Schulz in Berlin

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten, da macht die Musik keine Ausnahme. Worüber sich allerdings weniger streiten lässt, ist musikalisches Können oder die Gabe, ein Publikum zu verzaubern und einen Abend zu gestalten, der wie das Extrakt eines prall gefüllten Lebens daherkommt.


Purple Schulz kann beides und so haben er und sein Gitarrist Schrader dem Berliner Publikum gestern einen Abend geschenkt, der sicher nicht nur mir im Gedächtnis bleiben wird, weil er an so vieles erinnert hat, was im Leben wirklich wichtig ist und zählt.

Als ich Purple Schulz zum ersten Mal als Musiker wahrgenommen habe, war ich 17 oder 18. Ich mochte die Melodien seiner Stücke, die Leichtigkeit der Songs, auch wenn die Texte tiefgründig waren. Wie vielen anderen jagte mir "Sehnsucht" einen kalten Schauer über den Rücken und "Kleine Seen" war ein Lied, das mich immer fröhlich stimmte.

1986 stellten meine Mutter und ich einen Ausreiseantrag, wir wollten die DDR zusammen verlassen, nach Westberlin gehen. Leider hatte das Ministerium des Inneren andere Pläne und so ließen sie meine Mutter ziehen, während ich noch in Ostberlin bleiben musste. In dieser Zeit des Wartens wurde "Sehnsucht" mein Lied, das geschriehene "Ich will hier raus" zu meiner Hymne, weil ich genau diese Verzweiflung, diese Ohnmacht angesichts der Willkür fühlte, die diese Textzeile beschreibt. Als Purple Schulz im Januar 1989 im Palast der Republik auftrat, hatte ich endlich meine Ausreisepapiere und konnte im Februar die DDR verlassen. Das ist nur eine von vielen Geschichten, die meine Verbundenheit mit seiner Musik erklären.

Es sind stets die persönlichen Erinnerungen, die uns an bestimmte Songs oder Musiker binden. Momente, die wir mit einer Melodie, einem Text und mit einem Gefühl verknüpfen, das dann wieder abrufbar ist, wenn wir den Song hören. So hatte es Purple Schulz gestern leicht, sein Publikum zu begeistern, denn ich gehe mal davon aus, dass 95 Prozent der Zuhörer mit seinen Liedern älter geworden sind, sich in den Erfahrungen, die er besingt, spiegeln und sich, so wie ich, nicht vom Fan-Sein haben abbringen lassen, bloß weil er nicht mehr im Radio gespielt wird, oder im Fernsehen auftritt.

Ich muss ja ehrlich gestehen, dass ich gestern zum allerersten Mal auf einem Konzert von ihm war und das obwohl ich ihn schon so lange höre. Damit war der Abend die Krönung meines fast dreißigjährigen Fan-Seins. Ich wäre am liebsten schon nach den ersten Takten aus meinem Sitz hochgesprungen, hätte getanzt, gelacht, geweint und mitgesungen. Dann hätten die hinter mir allerdings nichts mehr gesehen und so habe ich mich darauf beschränkt, jedes Wort aufzusaugen, die Melodien in mir nachklingen zu lassen und mich einfach nur lebendig zu fühlen. Ich habe in meinem Leben schon einige Konzerte erlebt, Gänsehautmomente genauso wie Gähnattacken - das gestern war ein Highlight. Gefühlvoll, sinnlich, Sinn-voll und einfach nur wie das pralle Leben - SO IST DAS - SO UND NICHT ANDERS.

Danke dafür, Purple Schulz!



Es gibt übrigens ein zweites Konzert in Berlin am 2. Oktober in der Freiheit 15 in Köpenick und Purple Schulz hat eine Facebookseite.

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