Montag, 22. September 2014

Eigene Wege gehen - zwischen Lego und Nagellack

Eigentlich wollte ich heute über meine Tochter schreiben. Über den bildhaften Ausdruck des Übergangs vom Kind zur jungen Frau. Dann sah ich gestern einen Film über Udo Jürgens, der nächste Woche 80 wird und dachte, dass seine Art, seinen Weg zu gehen, auch ein tolles Thema wäre.


Nun sitze ich hier und schreibe über beides, denn wenn ich meiner Tochter für diese wichtige Phase etwas mit ins Leben geben möchte, dann ist es genau das, was gestern in der Doku auf sehr schöne und eindrucksvolle Weise gezeigt wurde.

Es geht darum, den eigenen Weg nicht nur zu erkennen, sondern ihn anzuerkennen, wertzuschätzen und dann zu gehen.  Jürgens wollte immer Musik machen und er hat sich nicht davon abbringen lassen, hat sogar die Schule kurz vor dem Abi geschmissen. Für ihn war klar, dass er auf eine Bühne gehört, dass er dort seine Geschichten in Liedform erzählen muss. Weit über zehn Jahre hat es gebraucht, bis er den großen Durchbruch hatte. Das heißt, er hat über den gesamten Zeitraum an etwas festgehalten, von dem er nicht wissen konnte, ob es überhaupt jemals gelingt.

Das kann man nur, wenn man entweder blind oder verbohrt ist, oder wenn man eine besondere Kraft in sich trägt, mit der man seinen Wünschen entgegenwachsen kann. "Wenn die Leidenschaft stark genug ist, kann keine Kraft im Himmel oder auf Erden sie voneinander fern halten." schreibt der Autor Richard Bode in seinem Buch "Nimm zuerst ein kleines Boot" über Wünsche.

Wünsche gepaart mit Leidenschaft beflügeln unser Unterbewusstsein. Sie setzen Kräfte frei, an die wir nie gedacht hätten. Sie öffnen Türen, ermöglichen Synchronizitäten oder, wie es die Kreativtrainerin und Autorin Julia Cameron sinngemäß sagt: plötzlich kommen helfende Hände. "Spring und das Netz wird sich öffnen." ist einer der besten Sätze, den ich von ihr gelesen habe, denn er ist wahr. Wo Leidenschaft und Mut zusammenkommen, findet sich der Weg.

Was meine Tochter will, das weiß sie noch nicht so richtig. Momentan zeichnet sie viel und sie zeichnet verdammt gut. Ich nehme von außen wahr, dass sich etwas verändert. Es ist bezaubernd zu sehen, wie sie sich aus ihrem Kindsein herausschält und nicht nur äußerlich mehr und mehr Profil entwickelt. Schaut man sich in ihrem Kinderzimmer um, dann mischen sich die Lebensphasen Kind und Jugend durcheinander zu einem Chaos, einem Mix, aus dem in einigen Wochen und Monaten etwas Neues entstehen wird.

Nicht jeder findet in seinem Leben etwas, an dem er mit Begeisterung und Enthusiasmus hängt, so wie Udo Jürgens an seiner Musik. Nicht jedem ist ein außergewöhnliches Talent in die Wiege gelegt, aus dem sich ohne weiteres eine Berufung entwickeln kann. Und nicht jeder ist für die große Bühne bestimmt.

Und trotzdem ist es für jeden Mensch, will er ein erfülltes und glückliches Leben führen, essentiell, seinen Weg zu gehen. Nicht den der anderen. Und vor allem auch nicht den der Eltern. Wir wissen nicht, was für unsere Kinder gut ist. Wir dürfen ihnen ein paar Regeln, ein paar Gesetzmäßigkeiten beibringen, aber wir kennen ihren Weg nicht und es steht uns auch überhaupt nicht zu, darüber zu urteilen.

Udo Jürgens hatte Glück. Seine Eltern sind ihm und seinen Zielen mit Respekt und Achtung begegnet. Ungewöhnlich für diese Zeit. Er hat ihnen dieses Geschenk später zurückgegeben, als er sie in eine menschenleere Berliner Philharmonie führte, sie in der fünften Reihe platzierte, das Berliner Philharmonische Orchester hereinrief und die Musiker dann unter Jürgens Leitung einen Song aus seinem Repertoire spielten. Was für ein großer Moment für Eltern und Kind.

Ich hoffe, dass es mir in nächster Zeit, wenn die Pubertät zuschlägt, gelingt, für meine Tochter mehr Geländer als Wegweiser zu sein. Dass sie etwas für sich und in sich entdeckt, das sie trägt und führt. Etwas, wofür sie jeden Morgen gern aufsteht und was ihr hilft, weiterzugehen, auch wenn das Terrain nicht eben oder leicht zu bewältigen ist. Wenn ich ihr vermitteln kann, dass Tagträume und Visionen keine Spinnereien, sondern Leuchtfeuer sind, dass es die Gegebenheiten sind, an denen wir wachsen können, dann ist sie gut gerüstet. Und vielleicht spiele ich ihr ja mal ein Lied von Udo Jürgens vor und erzähle ihr seine Geschichte.


Kommentare:

Windsprite hat gesagt…

Also ich empfinde es eher nicht so, dass Nagellack unbedingt ein Zeichen von erwachsenwerden ist, aber das ist mein persönliches Empfinden. Als ich ein kleines Mädchen war habe ich öfter Nagellack getragen als heute und deshalb verbinde ich damit eher meine Kindheit, während Lego immer noch irgendwie ein Teil meines Lebens ist... da bin ich aber wohl ein absurder Einzelfall.
Das ist aber eigentlich nebensächlich :)
Allgemein finde ich schon, dass es wichtig ist, seinen Weg zu gehen, nur würde es bei mir eher heißen: zwischen Büchern und Schokolade...

Jeannette Hagen hat gesagt…

Hallo Windsprite, schön dass Du mitspazierst! Natürlich ist Nagellack kein Ausdruck des Erwachsensein, da hast Du völlig Recht. In dem Fall ist es auch nur eine Metapher für den Übergang. :-)