Sonntag, 31. August 2014

Immer wieder Sonntag

Draußen regnet es. Es ist 11.42 Uhr und ich liege immer noch im Bett. Von hier aus kann ich die schönen Blumen auf meinem Balkon sehen, aber auch die ersten gelben Blätter der Linde. Dabei ist es noch August. Wie schnell doch so ein Sommer vorbei ist. Ob ich aufstehen sollte? Den Tag füllen? Etwas Sinnvolles tun, statt im Bett zu liegen und über alles Mögliche nachzudenken?


Sonntage sind mir ein Greul. Verbringt man irgendwo ein Wochenende, dann heißt es sonntags: Tasche packen und abreisen. Ist man zuhause, dann mäandert dieser Tag so dahin und meist ist man froh, wenn er zu Ende geht. Dabei ist es doch eigentlich ein geschenkter Tag. Einer, der für die Familie da ist, an dem man gemeinsam vieles erleben kann, wozu unter der Woche meist die Zeit fehlt.

Ja stimmt, manchmal ist das so. Wie zum Beispiel: HIER. Manchmal ist es aber auch anders. So wie heute.

Da sitzt meine Jüngste in ihrem Zimmer und bastelt oder daddelt, die Große hat sich verbarrikadiert, chillt vor sich hin, mein Mann sitzt im Büro um seinen Sonntagsblues wahlweise be-, über- oder abzuarbeiten und der Hund liegt gelangweilt zentral auf dem Teppich und wartet auf irgendeine Regung oder auf sein Fressen.

11:59 Uhr. Auf der Straße schreit ein Kind. Vermutlich ist es mit seinem Vater unterwegs, der den Sonntagskinderdienst hat, weil seine Frau endlich mal wieder ein paar Minuten für sich allein haben will. Ich überlege kurz, ob ich aufstehe und nachsehe, entscheide aber doch lieber liegenzubleiben und mich stattdessen darüber zu freuen, dass ich die Kinderwagen und Buggy-Zeiten hinter mir habe. Da waren die Sonntage noch mehr Greul als jetzt.

Hab ich Grund zu hadern?

Ah, das kenne ich, jetzt schleicht sich von hinten das weise Über-Ich an, das mit wohlwollend klingenden Sätzen den Zustand hinterfragt. Vielleicht ist es aber auch mein schlechtes Gewissen, das mir zuruft: Carpe diem! Nutze den Tag, statt darüber nachzudenken! Tu etwas, lass die Lebenszeit nicht so vorüberziehen.

Das mit dem Nutzen ist sonntags so eine Sache. Eigentlich soll man doch ruhen, oder? Ist Ruhen nicht auch von Nutzen? Muss ich sonntags produktiv sein, um mich gut zu fühlen? Neulich habe ich in der Zeit etwas über die verschiedenen Stimmen in uns gelesen. Auf mich reden mittlerweile auch nicht nur eine, sondern irgendwie gleich mehrere ein und die meisten davon wollen mir weißmachen, dass es schlecht ist, sonntags abzuhängen und sich den Hintern im Bett plattzusitzen oder zu liegen.

Ihr könnt mich mal, sagt die eine Stimme, die mir auf anhieb sehr sympatisch ist. Keine Ahnung, wer mir die vererbt hat. Lies doch was, sagt eine andere, die ich die "Tu-Stimme" nenne. Na gut, denke ich und lese einen Artikel im Tagesspiegel, in dem es um die angeordnete Tötung eines alten und gebrechlich gewordenen Hundes geht, gegen die sich die Besitzerin wehrt. Seltsam, wieso soll man Tiere, wenn sie alt sind, töten, statt sie natürlich sterben zu lassen und Menschen, die sterben wollen, denen verweigert man dieses Recht?

Das Thema erregt mich. Ich setze mich aufrecht und würde jetzt gern mit meinem Mann darüber reden. Wissen, wie er über das Sterben denkt. Vielleicht auch gemeinsam mit ihm über das Leben reden. Oder einfach nur kuscheln. Aber er ist ja nicht da und so schaue ich wieder aus dem Fenster und höre den Regentropfen dabei zu, wie sie auf die herbstgelben Blätter fallen.

Es ist Sonntag, 12:33 Uhr und ich liege immer noch im Bett. Meine Kinder streiten sich mittlerweile, weil die Kleine die Große nicht in Ruhe lässt. Jetzt sind die Sekunden gezählt, bis es Tapp, tapp, tapp macht, ein Kind angestürmt kommt und sich darüber beschwert, dass Sonntage langweilig sind.

"Ja", werde ich dann weise sagen und nicken, mich wieder in meine Decke einrollen und vor mich hin grinsen, denn eigentlich ist ja alles ganz schön!


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