Dienstag, 4. März 2014

Leuchtende Augen

“Wofür steht ihr? In was für einer Welt wollt ihr leben –  und was tut ihr dafür? Woran sollen sich die Nachfolgenden erinnern, wenn sie von euch reden?” Diese Fragen stellte Thomas Mampel letzten Freitag in seinem Blogbeitrag auf Mampel's Welt. Weil ich das Thema spannend fand, habe ich ihm vorgeschlagen, daraus eine Blogparade zu machen, was er dann auch prombt getan hat. Hier nun mein Beitrag:

"Selig sind die Dummen" sagt der Volksmund. Ein Satz, der mir manchmal in den Kopf kommt, wenn ich zum Hundertsten Mal irgendetwas, das ich tue, nach seinem Sinn hinterfrage und mir wünsche, ich könnte statt permanent Hirnkarusell zu fahren, einfach nur stur meine Arbeit erledigen. Kann ich aber nicht. Weil ich nicht so bin. Das hat mir schon die ein oder andere Krise eingebrockt und vor allem meine Fähigkeit des Loslassens geschult, denn wenn etwas in meinem Leben keinen Sinn macht, dann verabschiede ich mich gern davon.
Irgendwann saß ich mal bei einem Psychiater, der sagte, dass es nur wenigen Menschen bestimmt ist, ihre wahre Berufung zu finden und zu leben. Alle anderen sollten doch einfach aufhören, danach zu suchen und lieber das Leben so nehmen, wie es ist, statt ständig nach Antworten zu suchen. Ich fand diese Aussage ziemlich arrogant. Warum soll es nicht jedem Menschen vergönnt sein, das zu tun, was er liebt?

"Spiel das Spiel, das dir in die Wiege gelegt wurde!" sagt Bagger in dem Film "Die Legende von Bagger Vance" zu Junuh als er kurz davor ist, aufzugeben. Nicht immer ist der Weg der Bestimmung oder Berufung eben und von einem permanenten Glücksrauschen begleitet. Im Gegenteil. Oft ist er steinig und es ist verdammt anstrengend, ihn zu gehen. Der Sänger der Eels, Marc H. Everett, der sich über viele Jahre mehr oder minder erfolglos durchs Musikbusiness bewegte und nebenher viele Schicksalsschläge einstecken musste, bis ihm der Durchbruch gelang, schreibt in seiner Biografie: "Solange ich hier bin, kann ich genauso gut etwas Gutes und Bleibendes erschaffen, dachte ich mir. Ich muss es wenigstens versuchen."

Und darum: Ja! Es lohnt sich, in sich zu gehen und sich zu fragen, warum man dies oder jenes tut. Warum man den einen Beruf hat und nicht einen anderen. Warum man morgens aufsteht oder ausgerechnet mit diesem Partner und nicht mit einem anderen zusammen ist. Und ob man mit dieser Wahl denn überhaupt glücklich ist.
Wie gesagt, für mich müssen die Dinge einen Sinn ergeben, damit ich sie über einen längeren Zeitraum ausführe und am Ball bleibe. Kurzfristiges darf auch schon mal unsinnig sein. Sich auf einen Stuhl zu stellen und blöd zu kichern zum Beispiel. Kaum etwas befreit mich zuverlässiger von meinem hin und wieder aufkeimenden Kontrollwahn.

Aber das große Ganze, das muss sinnvoll sein und das ist es auch, was mich antreibt. Mein Leben muss für mich einen Sinn ergeben. Nur für mich. Für niemanden sonst auf der Welt. Denn es ist mein Leben. Und allein das durchzuhalten, ist manchmal schwer genug!
Denn, um so zu leben, muss man sich gut kennen. Man muss die Werte kennen, die einem eigen sind. Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, welche zu mir gehören und welche anerzogen sind. Nachdem ich das sortiert hatte, was übrigens auch harte Arbeit war, versuche ich mich heute überwiegend danach auszurichten. Auch gern mal gegen vorherrschende Meinungen anderer. Und auch mittlerweile mit der nötigen Gelassenheit, wenn ich mal wieder grandios an meinem eigenen Ideal scheitere. Hin und wieder muss man es wagen, in seine Abgründe zu schauen. Erkennen und anerkennen, dass man ein Mensch und damit Himmel und Hölle, Täter und Opfer gleichzeitig ist und sich die Abgründe verzeihen. Das erfordert manchmal mehr Mut und Ausdauer, als den Mount Everest zu besteigen.

Und wenn Du, lieber Thomas mich fragst, was mich antreibt, was mich morgens aus dem Bett holt, dann ist es nicht die große Karriere, das große Geld oder der Mega-Erfolg, sondern der große Wunsch, mich Tag für Tag näher und besser kennenzulernen, um mich - oder besser: um MEIN Leben zu leben. Um das in die Welt zu bringen, was ich wirklich bin. Die Einzigartigkeit, mit der wir alle geboren werden, wiederzufinden unter all dem Müll, der sich im Laufe der Jahre auf die Seele gelegt hat: Ansprüche, Erwartungen, Ängste, Verbitterung, Ablehnung, Kränkungen, Glaubenssätze. Ich will nicht davon "gelebt" werden. Ich will bis zum Tod das Leuchten in meinen Augen behalten und ich will mich jeden Tag überraschen lassen. Das gelingt mir umso besser, je weniger ich mir anmaße, alles zu wissen und je öfter ich den Satz "Das ist eben so" nicht akzeptiere.
Morgens den Kopf zu heben und wie ein Kind neugierig auf den Tag zu sein, an Wunder zu glauben - wenn ich mir das bewahre, dann habe ich gelebt. Dann hatte mein Leben einen Sinn. Und vielleicht animiere ich ja den einen oder anderen durch das, was ich schreibe, dazu, es mir gleich zu tun. Dann leuchten schon zwei Augenpaare.

1 Kommentar:

Jutta.K hat gesagt…

Aus deinem Beitrag:
"Aber das große Ganze, das muss sinnvoll sein und das ist es auch, was mich antreibt. Mein Leben muss für mich einen Sinn ergeben. Nur für mich. Für niemanden sonst auf der Welt. Denn es ist mein Leben. Und allein das durchzuhalten, ist manchmal schwer genug!"
Ein ganz wunderbarer Satz, ein Satz, der mich tief beeindruckt hat und den ich mir merken werde !
Danke für diesen sehr schön geschriebenen Beitrag.
Liebe Grüße
jutta