Freitag, 28. März 2014

"Bewege deinen Hintern...

...  Herz und Verstand werden folgen" schrieb neulich der Laufpapst Achim Achilles auf Facebook. Gut gebrüllt Löwe, denke ich, während ich auf den ersten Metern wie ein Pogo tanzender Elefant über das feuchte Erdreich stampfe. Mein Herz und mein Verstand zeigen mir den ausgestreckten Mittelfinger, statt sich über meinen morgendlichen Aktivismus zu freuen.


Wobei - ich glaube mein Herz schläft noch. Oder wird von dem glucksenden Geräusch in meinem Bauch übertönt, was wiederum von dem Kaffee kommt, den ich mir heute morgen nicht verkneifen konnte. Mein Verstand sagt dazu so etwas wie: "Typisch, das hast du doch vorher gewusst, dass man nicht so viel trinken sollte, bevor man läuft."
Insofern hat Achilles nicht recht - ich glaube mein Verstand war schon wach und munter, bevor ich überhaupt nur ein Augenlid geschweige denn meinen Hintern angehoben habe. Anders ist dieses Dauergeplapper in meinem Hirn nicht zu erklären.

Ganz anders als ich übrigens mein Hund. Bei dem scheint alles gleich schnell wach zu sein. Herz, Verstand, Hintern - wie auf Knopfdruck. Während ich nach etwa 500 geschafften Metern schon überlege, das Handtuch zu werfen und Achim Achilles in die Wüste zu schicken, keult er wie ein Besengter los, dreht sich wie ein Derwisch, rollt glücklich über den Waldboden und springt galant über umgefallene Bäume. Was für ein Hohn, denkt mein Verstand, gleichzeitig formulieren meine Beine eine Petition, die in etwa lautet: Lass doch den Scheiß! Spazierengehen reicht doch auch!

Nichts da.

Oh, wer war das? Es gibt noch eine Stimme in mir. AAAAAAchim!!!!!!!

Mein Hund rast auf einen Pinscher zu, der in einiger Entfernung vor uns tippelt. Ich ahne, dass das kein gutes Ende nehmen wird, wenn mein mittelgroßer Podenco sich auf dieses kleine Häufchen Kurzfell stürzt und versuche zu pfeifen. Gleichzeitig steigt mein Adrenalinpegel und verschafft mir zumindest kurzzeitig einen Kraftzuwachs. Kläglich verhallt der Pfiff zwischen Spucke und meinem Hecheln. Mein Hund reagiert nicht, dafür ist die Besitzerin gewarnt. Im letzten Moment reißt sie ihren Pinscher hoch, so dass meinem Rennverrückten nichts anderes bleibt, als mit einem Affenzahn an Frau und Hund vorbeizusausen und sich ein neues Opfer zu suchen.

Ich dagegen entschuldige mich atemlos und brav bei der Dame und setzte mein Gestakse fort.

Langsam geht es. Jetzt höre ich wenigstens nicht nur meinen Atem und das Glucksen, sondern auch die Vögel, die fleißig pfeifen. Ich denke an gestern, an den schönen Abend, an meinen Mann. Mir wird warm ums Herz.

Verstand: Nein, du schwitzt.

Der, von dem ich nicht weiß, wer da in mir spricht: Nein, dir wird warm ums Herz.

Ach Leute. Ist doch egal. Wie wäre es denn, wenn ich alle Menschen lieben könnte? Nicht so wie meinen Mann, aber wenigstens ein bisschen. Und zwar ausnahmslos alle. Auch die Arschlöcher. So etwas habe ich doch neulich in einem Buch gelesen. Und der Dalai Lama, der kann das doch auch. Den mögen wir doch.

Verstand: Spinnst du? Warum willst du die Idioten lieben?

Na weil mein Leben dann leichter wäre. Ich hätte weniger Stress.

Verstand: Blödsinn. Erleuchtungsgequatsche.

Ja, die Sache mit der Erleuchtung. An die glaube ich wirklich nicht. Da muss ich meinem Verstand Recht geben. Ich schaffe es ja nicht mal, ihn zur Ruhe zu bringen, damit überhaupt irgendetwas leuchten kann. Pausenlos ist er am Plappern. Und selbst, wenn ich achtsam bin, geht mein Erleuchtungsgrad nicht über ein suboptimales Glühbirnenfunzeln hinaus.

Mein Hund bellt und knurrt irgendwo in der Ferne. Ich beeile mich den Hügel zu bezwingen, der vor mir liegt und steigere meine Atemfrequenz auf Maximal. Meine Beine haben das mit der Petition aufgegeben, sie leisten jetzt brav ihren Dienst und auch sonst scheint es, als ob mein Körper sich mit dem Fakt, dass wir jetzt laufen, arrangiert hat. Ich sehe meinen Hund, der am Ufer mit einem Jagdhund rauft und plötzlich durchströmt mich eine kleine Glückswelle.

Ein winziger Augenblick des Einsseins. Ein Moment in dem die Welt stillzustehen scheint, während ich einfach nur laufe. Allein dafür hat es sich gelohnt, den Hintern zu bewegen und natürlich weiß ich jetzt wieder, was Achilles meint. Mal sehen, ob ich mich morgen früh, wenn die Laufschuhe mich wieder anstarren, noch daran erinnern kann.

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