Samstag, 22. März 2014

Barbara Sher in Berlin

Gestern hatte ich das große Glück, bei einem Vortrag der Autorin Barbara Sher hier in Berlin dabeizusein. "Autorin" fasst es natürlich nicht ganz. Jeder, der Barbara Sher kennt, weiß, dass sie weit mehr als das ist. Speakerin, Coach, Ausbilderin und - ein Schatz.


Der Humboldt-Saal der Urania, der 866 Menschen Platz bietet, war gut gefüllt. Barbara Sher ist keine Unbekannte, das wird schnell klar. Auf ihre erste Frage, wer denn im letzten Jahr schon bei ihrem Vortrag war, schnellen viele Hände nach oben. Sie ist eine sympathische Frau. Eine sympathische Omi kann man eigentlich sagen, denn sie ist 81 Jahre alt, was man ihr weder ansieht noch anmerkt. Wach beobachten ihre Augen von der ersten Sekunde an das Publikum, wach und sehr humorvoll bringt sie ihre Botschaft, die sie nun schon seit vielen Jahrzehnten verkündet rüber.
Ihr Thema sind die Scanner. Menschen, die viele Träume haben, die sich schwer damit tun, sich auf eine Sache festzulegen und die überzeugt davon sind, dass dieses eine Leben niemals ausreichen kann, um all das zu schaffen, was an Plänen, Wünschen und Vorstellungen in ihrem Kopf herumspukt. Scanner wollen Chinesisch lernen, ein Theaterstück schreiben, ein großartiges Bild malen, nach Barcelona fliegen, ein Instrument lernen, einen alten Bauernhof kaufen und das möglichst alles gleichzeitig. Hört sich anstrengend an? Ist es. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, denn ich bin der Prototyp eines Scanners. Wahrscheinlich ist das sogar mein zweiter Vorname. Wenn Du meinen Blog schon eine Weile verfolgst, dann erinnerst Du dich vielleicht auch, dass ich schon mal einen Text dazu geschrieben habe. Damals ging es um das Buch von Barbara Sher.

Und nun sitzt diese Grande Madame vor mir und trifft mit dem, was sie sagt, nicht nur meinen Verstand, sondern vor allem mein Herz. Ich kann mich noch genau erinnern, wie glücklich ich war, als ich damals ihr Buch gelesen habe. Freudentänze habe ich aufgeführt. Nach all den Jahren, in denen ich mich immer missverstanden gefühlt habe, immer gespürt habe, dass ich scheinbar anders ticke als andere Menschen und mich schon gefragt habe, ob ich diejenige bin, die nicht alle Tassen im Schrank hat. Nach all den Jahren der Rechtfertigung und Selbstzüchtigung im Sinne von: "Du musst dich doch endlich mal entscheiden!", gab es endlich jemanden, der in Tausend passenden Einzelheiten mein Wesen beschrieb und die wunderbaren, befreienden Sätze anfügte: "Höre auf dich zu stressen. Du bist total normal. Du bist nicht verrückt. Du bist einfach nur ein Scanner."

Das schlug ein wie eine Bombe. Und wenn man mich heute fragen würde, welche Bücher meinem Leben eine neue Richtung gegeben haben, dann gehört das von Barbara Sher zweifelsfrei dazu. Ich lausche ihr, finde mich auch diesmal wieder, wenn sie sinngemäß sagt: "Scanner sind sehr focussiert. Sie geben ihre Meinung nicht auf. Sie haben sich für eine Sache entschieden und zwar dazu, glücklich zu sein. Sie haben schlichtweg keine Toleranz für Unglücklichsein und für Langeweile und darum haben sie kein Problem damit, eine Sache, von der sie gestern noch hellauf begeistert waren, zur Verwunderung aller, morgen plötzlich fallen zu lassen. Scanner besitzen sehr viel Integrität.
Und dann fügt sie den großartigen Satz an: "Ihr habt euch das Leben schwer gemacht, weil ihr das Glücklichsein nicht aufgegeben habt." Man kann förmlich spüren, wie eine Welle der Zustimmung durch den Saal schwappt. Wie felsengroße Brocken von vielen Herzen fallen und es gibt den ein oder anderen im Saal, der die Tränen nicht unterdrücken kann. Es ist so schwer, nicht "gesellschaftskonform" zu sein. Das fängt in der Krabbelgruppe an und zieht sich wie eine Spur durch viele Leben, bis mal jemand, wie Barbara Sher kommt und den Schalter endlich umlegt. Denn, wie sagte sie: "Wenn du so handelst, wie du handelst, dann wird es wohl einen verdammt wichtigen Grund dafür geben."

Für mich war dieser Abend - ähnlich wie das Buch - viel mehr als Unterhaltung und Wissenvermehrung. Der Vortrag war wie ein weiches Tuch, in das ich mich einhüllen konnte und mit dem ich gestärkt in die Nacht hinausgegangen bin. Danke dafür.

Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag:
Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Februar 2008)
ISBN-10:
3423246545
ISBN-13:
978-3423246545

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