Montag, 3. Februar 2014

Silberhochzeit mit dem Westen

Es gibt Ereignisse im Leben, die brennen sich ein wie die Spur, die ein glühender Lötkolben auf Holz hinterlässt. Man müsste lange mit groben Schleifpapier arbeiten, um sie zu beseitigen. Oder man lässt sie und lebt damit, dass sie dann und wann auftauchen. Mal tun sie weh, mal machen sie nachdenklich, aber immer ist es so, als wäre alles gestern gewesen.


Wenn ich heute meine offiziellen DDR-Ausreisedokumente in den Händen halte, dann ist das ein wenig so, als würde ich ein altes Foto von mir betrachten. Die Erinnerungen sind präsent, so als ob nur Tage zwischen all dem und heute liegen und doch: "Mein Gott, 25 Jahre ist das schon her.", denke ich und erinnere mich an meinen Ost-West-Tag.

In den Akten des MdI (Ministerium des Innern der DDR), die ich vor einiger Zeit einsehen konnte, hieß ich entweder die Ersuchende, die Bürgerin H., ganz schnöde die Hagen oder nur ganz kurz: die H..
Meinen Antrag auf Ausreise hatte ich im Oktober 1986 gestellt. Damals war ich 19 und durfte mich fortan wöchentlich, später monatlich zu einem - man nannte es offiziell "Plangespräch" in irgendeiner Hinterhauswohnung einfinden. Mit mir im Raum saßen stets zwei Genossen, die nichts anderes im Sinn hatten, als gemäß ihrer Planvorgabe zu handeln und mich zur Rücknahme meines Antrags zu bewegen. Ihre Masche war durchsichtig, die Methoden unschön aber zu verkraften und so stand am Ende stets im Plangesprächsprotokoll, dass die H. uneinsichtig ist und sich nicht zur Rücknahme bewegen lässt.

Darum durfte ich zweieinhalb Jahre und viele Plangespräche später ausreisen und Ostberlin Richtung Westberlin verlassen.  Am 9. Februar 1989, ein halbes Jahr bevor die Mauer endgültig Geschichte war, stand ich mit meiner Reisetasche am S-Bahnhof Friedrichstraße, der damals den Beinamen "Tränenpalast" hatte und heute ein Museum beherbergt. Natürlich habe ich geweint. Natürlich war dieser Weg alles andere als leicht, schließlich bin ich in der DDR aufgewachsen, hatte Freunde, war integriert. Kein Mensch verlässt seine Heimat ohne eine gewisse Wehmut, selbst dann nicht, wenn die Gründe für diesen Schritt zwingend, plausibel oder einfach nur richtig und nachvollziehbar sind.

Schlimm war für mich damals, ganz allein durch den Transitbereich zu gehen. Diese seltsame Zwischenwelt zu betreten. Das Alte hinter mir zu lassen, ohne zu wissen, was mich erwartete. Auf der einen Seite Freunde zurückzulassen, die genau wie ich nicht wussten, ob und wann wir uns wiedersehen und auf der anderen Seite eine wartende Mutter zu erahnen, die auch nicht wusste, ob ich denn jetzt wirklich komme - schließlich gab es damals keine Handys für die schnelle Kommunikation.
Der Weg zwischen Ost und West war unheimlich und beängstigend. Die Fahrt mit der S-Bahn nicht weniger aufreibend. Ich weiß noch wie heute, wie meine Knie gezittert haben, wie mein Herz bis in jede Haarspitze geklopft hat. Am damaligen "Lehrter Stadtbahnhof", der heute der Berliner Hauptbahnhof ist, öffneten sich die Türen und: ... es roch anders. Und obwohl das wirklich banal im Gegensatz zu all den anderen Geschehnissen war, so gab mir dieser Umstand, dass die Abwesenheit von Zweitacktmotoren deutlich riechbar war, ein wenig Halt. Willkommen im Westen, dachte ich und atmete durch. Dann ist ja wenigstens etwas schon so, wie man es mir erzählt hatte.

Ich habe mir fest vorgenommen, an diesem Sonntag, wenn sich dieser Tag zum 25. Mal jährt, in das Museum am Bahnhof Friedrichstraße zu gehen. Bisher habe ich mich das noch nicht getraut, aber ich glaube, manchmal tut es gut, die alten Geister wachzurütteln, ihnen Raum zu geben und sie als Teil des eigenen Lebens zu schätzen.


Kommentare:

gretel hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch! Ich gratuliere dir und mir zur Silberhochzeit.
Im Mai, mit 19 Jahren, bekam ich die Aberkennungsurkunde der Staatsbürgerschaft der DDR :-)
Aus dem Tal der Ahnungslosen, die Westfernsehen höchstens aus dem "Schwarzen Kanal" kannte, stieg ich vom Dresdner Hauptbahnhof, mit 13 Koffern im Gepäckwagen, in den Zug nach irgendwo...
Darauf einen Prosecco! Lg

Jeannette Hagen hat gesagt…

Und gleich noch einen auf unsere gemeinsame Heimat. Ich bin in Dresden geboren. :-)

Nina hat gesagt…

Liebe Jeannette, dein Bericht hat mich tief berührt. Ich habe den Tränenpalast oft in diese Richtung verlassen. denn ich war die aus dem Westen, die als Kind oft in der DDR zu Besuch war. Die Bilder in meinem Kopf machen mir heute noch Angst. Bewaffnete Soldaten am Bahnsteig, wenn man ausstieg, ein Maschinengewehr auf der Galerie, welches in Richtung Züge ausgerichtet war. Das Labyrinth, durch das man hindurch musste und dann der Geruch der mir fast den Atem raubte. Besonders im Winter, in Kombination mit dem Hausbrand, machte dieser meinen Atemwegen schwer zu schaffen. Die Tränen beim Umarmen der lieben Verwandten und die Fahrt durch die Hauptstadt der DDR, hinaus Richtung Zehdenick zu meinen geliebten Ur-Omis. Die DDR war meine persönliche Zeitreise. Ich war ein Kind. Ich wusste nicht was das Leben in der DDR ausmachte. Stasi und Mangel waren mir fremd, ich hatte ja alles und konnte immer wieder weg. Heute schäme ich mich. Ich schäme mich für mein Auftreten. Meine Briefe als Teenager über Politik und Umweltverschmutzung, meine Großspurigkeit= warum nicht alle die Revolution anfingen. Da hatte ich ja nun auch leicht reden. Ich war nie in dieser Situation und meine Mitgliedschaft bei Amnesty International machte mich im Westen eher cool. In Gefahr brachte sie mich nie. Als die Mauer fiel war ich 16 Jahre alt. Am nachfolgenden Wochenende kamen meine Verwandten zum ersten Mal zu Besuch. Heute vermisse ich die DDR, die sie für mich als Kind gewesen ist. Eine Ort an dem ich mich stets in die Vergangenheit versetzt gefühlt hatte, in der ich mir wie die Hauptdarstellerin eines 60er Jahre Filmes vorkam, die Briefe die man sich regelmäßig schrieb, die Pakete die hin und her geschickt wurden und dann schäme ich mich wieder. Vor 4 Wochen musste ich die Wohnung meiner Großeltern auflösen. Dokumente ihrer Ausreise, Quittungen von Zwangsumtasch und DDR Geld fiel mir dabei in die Hände und alles wurde wieder sehr präsent. Ich danke dir für das erzählen deiner Geschichte!
Nina

Jeannette Hagen hat gesagt…

Liebe Nina, vielen Dank für Deinen schönen Kommentar!Liebe Grüße Jeannette