Montag, 10. Februar 2014

Eine Bewertung der Bewertung

Gestern fuhr ich mit dem Auto an einer Verkehrsanzeigetafel vorbei, auf der folgendende Bitte stand: "Bitte bewerten Sie diese Anzeigetafel unter traffic...soundso." Die Webadresse konnte ich nicht mehr lesen - schließlich saß ich ja im Auto. Aber so schnell das Ganze auch an mir vorbeigerauscht ist - die Sache mit der Bewertung hat mich doch nachhaltig beschäftigt.


Überall wird bewertet. In Berlin auf der Berlinale derzeit Filme, auf Amazon Bücher, in den Schulen die Schüler, in den Büros die Mitarbeiter, bei Stiftung Warentest Schokolade, auf Yelp Restaurants und in den Zeitungen unser aller Alltag.
Bewertungen wohin man schaut. Man kann sich dem nicht mehr entziehen - wir sind ein Volk der Bewerter.

"Na wie war dein Tag, Schatz?", "Lohnt sich der Film?", "Waren die anderen Kinder nett zu dir?" undsoweiterundsoweiterundsoweiter.
Es fängt schon beim Aufwachen an. Kurzer Blick aus dem Fenster: "Hmmm, Scheiße, der Himmel ist bewölkt." oder "Oh, wie schön, die Sonne scheint." Kein Gedanke ohne Einordnung in eine Bewertungskategorie. Meist ist die eigene Bewertung dann auch noch treffender als die der anderen. Dass heißt, wir bewerten sogar unsere Bewertungen.

Pause.

Vielleicht kennen ja einige von euch diese kleine Geschichte:
Irgendwo lebt ein Mann mit seinem Sohn auf einer Farm. Als ihnen eine Herde Wildpferde zuläuft, kommen die Dorfbewohner und sagen: "Oh, was für ein Glück du hast!" Der Mann zuckt nur mit den Schultern und sagt: "Glück oder Pech, das wird sich zeigen."
Als der Sohn die Pferde zureiten will, stürzt er und bricht sich ein Bein. Wieder kommen die Dorfbewohner. Diesmal bedauern sie den Alten, wegen des Pechs. Der aber zuckt nur mit den Schultern und sagt: "Glück oder Pech, das wird sich zeigen."
Das Land wird überfallen und alle jungen Männer des Landes werden einberufen. Nur nicht der Sohn des Mannes, da er ja verletzt ist.

Du ahnst, was kommt.

Diese Geschichte ließe sich unendlich fortsetzen. Was sie zeigt, ist, dass wir mit jeder Bewertung oder Beurteilung - egal ob wir einen Mensch, eine Sache oder eine Situation beurteilen - automatisch den Raum der Möglichkeiten begrenzen und damit Neugier und Offenheit abtöten. Wir steigern uns in Emotionen oder Sorge ohne zu wissen, was aus einer Situation werden und wachsen kann. Dazu kommt, das jeder eine andere Wahrnehmung hat und somit auch ganz unterschiedliche Bewertungskriterien ansetzt. Das kann man gut bei Buchrezensionen ablesen, wo meist von grottig schlecht bis grandios alles vorhanden ist.
Schnell und gern sind wir auch mit Kritik dabei, wenn das Andere und das Eigene sich nicht decken. Besonders seit sich Kritik unter dem gefälligen Mäntelchen der Konstruktivität verstecken darf, wird hemmungslos drauflosgekritelt. Und wenn der andere sich zu unrecht schlecht beurteilt fühlt, dann zieht der Kritiker schon gerne mal die Aber es ist doch nur zu deinem Besten - Karte aus dem Hut. Und weil ich das - um mal zu bewerten - ziemlich ätzend finde, plädiere ich heute mal für NICHTBEWERTUNG und rufe das Zeitalter des "Es ist so wie es ist" aus. Glück oder Pech? Das wird sich dann zeigen.

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