Freitag, 31. Januar 2014

Hinschauen und Handeln bitte!

@Droemer Knaur
Es ist eine Zahl, die man nicht hören will. Eine Zahl, die so erschreckend, so erschütternd und so aufrüttelnd ist, dass doch eigentlich sofort alle Alarmglocken läuten sollten. In Deutschland sterben in jedem Jahr rund 160 Kinder an den Folgen der Misshandlungen, die ihnen meist die eigenen Eltern zufügen.


Bevor Du weiterliest, stell Dir bitte für einen Moment 160 Kinder vor. 160 Kinder – Säuglinge, Kleinkinder, Jugendliche. 160 Kinder – das sind rund fünf Schulklassen. 160 Kinder, die ein Martyrium durchleiden, das jeder psychisch gesunde Mensch seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde. Und dabei muss man davon ausgehen, dass es neben diesen offiziellen Fällen noch eine weitaus höhere Dunkelziffer gibt.

Als der Leiter der Rechtsmedizin der Berliner Charité, Michael Tsokos und seine Mitautorin, die Rechtsmedizinerin und Fachärztin Saskia Etzold heute vor Medienvertretern ihr Buch “Deutschland misshandelt seine Kinder” vorstellten, war das Interesse groß und auch das Medienecho direkt im Anschluss zeigt, dass es Zeit ist, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu holen. Und zwar schonungslos und offen. Denn was nützt es, wenn Teddybären und Kerzen vor Haustüren stehen, wo vorher weggesehen und ignoriert wurde.

Die Autoren nehmen in ihrem Buch kein Blatt vor den Mund. Sie schreiben von “unerträglichen Missständen” und davon, dass das Thema Kindesmisshandlung in Deutschland “kollektiv verleugnet” wird. Sie werfen den Behörden und staatlichen Institutionen Versagen vor und plädieren dafür, dass Leichen von Kindern grundsätzlich obduziert werden sollen. Man nimmt ihnen die Dringlichkeit dieses Anliegens ab, denn sie sind die, die tagtäglich mit den toten und misshandelten Kindern konfrontiert sind, während wir nur ab und an von den schlimmsten Fällen in den Zeitungen lesen und uns der grausame Anblick dieser misshandelten Kinder erspart bleibt.

Für die Autoren steht fest, dass offenbar die Falschen geschützt werden. Dass viel von “überforderten Eltern” gesprochen wird, nicht aber davon, was die Kinder durchmachen. Ich erinnere mich daran, dass es im Spiegel vor einigen Jahren einen Artikel gab, in dem haarklein bis ins letzte Detail das langsame und grauenvolle Sterben eines kleinen Mädchen dokumentiert war. Ich glaube, die Hölle ist ein sanftmütiger Ort gegen das, was dieses Kind durchgemacht hat.

Aber wie wir alle wissen – anklagen und auf die Zustände aufmerksam machen – das ist die eine Seite. Wichtiger ist es, dass konkrete Schritte und Maßnahmen beschlossen werden, die die Kinder schützen. Dass früher eingegriffen wird, die Strafen heraufgesetzt werden, dass wir in Deutschland endlich verstehen und auch danach handeln, dass eine Gesellschaft daran gemessen wird, wie sie mit den Schwächsten, den Wehrlosen umgeht. Da bin ich sicher, dass sich durch dieses Buch etwas bewegen wird.

“Deutschland misshandelt seine Kinder”, Michael Tsokos und  Saskia Guddat (mit Andreas Gößling) erscheint am 2. Februar 2014 im Droemer Verlag und kostet 19,99 Euro

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