Dienstag, 28. Januar 2014

Eine Antipetition

Unterschriftensammlung (@Wikipedia)
Ja, auch ich will die Welt retten, bin dafür, dass Bienen leben, Delfine nicht abgeschlachtet werden und Balsen Energiekekse an die Überlebenden von Naturkatastrophen verteilt. Für all das gibt es Petitionen, die man unterzeichnen kann, was ich auch gern getan habe. Doch nun wankt mein Petitionsweltbild.


Auslöser dafür ist die Petition von Maren Müller aus Leipzig, die fordert, man möge Moderator Markus Lanz aus ihrem Rundfunkbeitrag herausnehmen. Nun schaue ich kein "Wetten das", kann mir also kein Urteil darüber, ob Herr Lanz telegen ist oder nicht, erlauben. Doch die Tatsache an sich, dass irgendeine Zuschauerin, weil ihr eine Nase im Fernsehen nicht passt, eine Petition startet, das geht mir deutlich gegen Strich, denn damit degradiert sie ein wichtiges Instrument, mit dem man wenigstens ein bisschen was für die Gerechtigkeit auf dieser Welt tun konnte, zu einer Farce. Ganz abgesehen davon, dass ich dem Autor Hajo Schumacher Recht gebe, der in der Berliner Morgenpost schreibt, dass diese Petition digitales Mobbing ist.

Im Grunde war die Entwicklung mit den Petitionen schon deutlich früher abzusehen. Eigentlich schon in dem Moment, da man mit drei Mausklicks, ohne sich besonders registrieren zu müssen, nicht öffentlich einsehbar, alles unterzeichnen konnte. Und eigentlich auch schon in dem Moment, wo Petitionsplattformen ihre Richtlinien so frei gestaltet haben, dass man eigentlich zu jedem Thema eine Petition einreichen kann.

Und so kann man derzeit auf OpenPetition mitzeichnen, dass Chemnitz einen eigenen Tatort bekommt, dass die Hundesteuer abgeschafft wird, dass es mehr Stehplätze in der Allianz-Arena gibt, dass in Bayerischen Schulbussen gesessen statt gestanden werden soll, dass es kein Ponykarusell mehr in der Landauer Innenstadt gibt oder das Ilja Seifert (Wer ist das?) ins Europaparlament kommt. Allein heute wurden 18 Petitionen eingestellt.

Sicher, all diese Menschen, die solche Petitionen verfasst haben, haben sich vermutlich etwas dabei gedacht. Wollen die Welt besser machen. Oder zumindest ihre Stadt, ihr Dorf, ihre Straße oder eben das ZDF. Aber liebe Leute, so geht das nicht. Mal abgesehen davon, dass in einer offenen Gesellschaft nicht jede private Befindlichkeit berücksichtigt werden kann - was ist das denn für ein Engagement, mal eben schnell vom Sofa aus in fünf Minuten so eine Petition zu verfassen und sich dann auf die digitale Vernetzung zu verlassen. Auf all die Menschen, die auch nur vom Sofa aus, mal eben schnell unterzeichnen und sich dann besser fühlen. Das ist ein Witz und keine Veränderungsmacht.

Insofern plädiere ich für eine Abschaffung von solchen Petitionen und die Wiederbelebung des guten alten Kneipenstammtisches. Das waren doch noch Zeiten, als die Ungerechtigkeiten dieser Welt beim Bier beseitigt wurden. Als man sich noch kämpferisch zeigte und am nächsten Morgen verkatert, aber gemeinsam mit der Mistgabel in der Hand vorm Rathaus stand und lautstark um seine Rechte kämpfte. Na gut, dass ist jetzt ein wenig romantisch verklärt - aber die Richtung stimmt. Also all ihr Sesselpetitionskämpfer - wenn ihr wirklich was bewegen wollt, dann zeigt das im wahren Leben und nicht im Internet. Und Frau Müller - moderieren Sie doch das nächste Mal "Wetten das", dann schalte ich sogar ein. Versprochen!

Kommentare:

Ina hat gesagt…

wie wahr, wie wahr, liebe Jeannette

gretel hat gesagt…

Bin ganz bei dir.
Schade eigentlich. Für mich, die aus einer Diktatur stammt, waren Petitionen so etwas wie der Gipfel der Freiheit und Demokratie. Ich unterzeichne weiterhin Petitionen, poste auch welche, aber die Petitonsinflation ist erschreckend. Und Frau Müller hat wahrscheinlich viel mehr Unterschriften gesammelt, als ich mit meinen profanen Themen. Lg und danke für den Artikel