Samstag, 28. Dezember 2013

Neue Helden braucht das Land?

Wenn irgendetwas nicht funktioniert - egal ob global oder ganz privat - wird schnell der Ruf nach einem Retter laut. Nach dem einen oder der einen, der oder die den Karren aus dem Dreck zieht oder den Weg ebnet. Unsere Geschichte ist voller solcher Helden. Menschen, die Großes vollbracht haben, die Geschichtsräder gedreht haben, oder jemanden auf den richtigen Weg geführt haben. Manche waren laut, andere eher leise. Doch alle eint...


Ja was eigentlich? Das ist eine interessante Frage, die Thomas Mampel mit seiner aktuellen Blogparade aufwirft. Interessant genug, um meinen eigenen Heldenbegriff zu hinterfragen. Denn was kennzeichnet eigentlich einen Helden / eine Heldin? Sieht der Held heute anders aus als der vor 100 oder vor 1000 Jahren?
Spontan dachte ich, dass Helden jene sind, die sich selbst und ihren Überzeugungen treu sind und ihnen auch gegen Widerstände treu bleiben. Aber diese Definition hinkt gewaltig, denn nach der wäre selbst Hitler ein Held. Ist er aber nicht. Also muss die Deutung tiefer gehen - diffiziler sein.
Dass er oder sie gemeinschaftliche Anliegen vor die eigenen stellt - das könnte passen. Edward Snowden ist ein Beispiel dafür. Er ist in meinen Augen ein Held. Riskiert das eigene Leben und stellt es in den Dienst der Gemeinschaft.
Gestern bei einem Videoabend mit Jason Bourne (Teil drei) ist mir noch einmal klar geworden, worum es dabei geht. Ich muss direkt noch mal nachschauen, wann dieser Film gedreht wurde, der ziemlich deutlich die möglichen Folgen der NSA Überwachung (im Film auch so benannt) zeigt. Wir denken alle: "Was habe ich schon zu verbergen?" und verstehen überhaupt nicht, dass es darum nicht geht. Jedenfalls noch nicht jetzt. Aber im Falle des Falles kann "Alles, was du tust!" gegen dich verwendet werden. Keiner von uns weiß, wer die Strippen wirklich zieht. Wie sich die Machtverhältnisse auf dieser Welt ändern werden. Es kann schneller gehen, als wir denken, dann sind wir vielleicht plötzlich "DER FEIND" und wer den Feind kennt, seine Gewohnheiten studiert, seine Schwächen ausspioniert hat, der ist klar im Vorteil. Ehrlich - es ist mir nach wie vor ein großes Rätsel, wie wir gemeinschaftlich zulassen können, das unsere Regierung bis heute keine eindeutige Stellungnahme dazu abgegeben hat. Wahrscheinlich, weil dort keine Helden sitzen.
Aber ich schweife ab.
Oder vielleicht doch nicht. Denn in der heutigen Zeit ehrlich zu sein, Stellung zu beziehen, eine Meinung zu vertreten - das erscheint mir schon heldenhaft. Man reckt den Kopf aus der Masse, auch auf die Gefahr hin, dass ihn jemand abschlägt, was zugegebenermaßen auch in Zeiten, in denen Axt und Schwert keine alltäglichen Begleiter mehr sind, schnell passieren kann.

Um mich herum gibt es viele Menschen, die ausbrechen. Aus täglichen Routinen, aus Gewohnheiten, aus gesellschaftlichem Konformismus. Menschen die NEIN sagen zum Mainstream, zur Massentierhaltung, zu Gewalt und Verantwortungslosigkeit. Das sind Helden. Gleichzeitig gibt es aber scheinbar auch immer mehr Menschen, die eine beachtliche Verdrängungsenergie entwickelt haben. Die wegschauen, ignorieren und im: "Ach uns wird schon nichts passieren"–Modus durch das Leben laufen. Und trotzdem kann jeder von denen auch zum Helden werden, wenn die Situation ihn oder sie herausfordert. Wenn ein Kind in Gefahr ist, wenn Deiche brechen oder wenn es nur darum geht, morgens in der U–Bahn nett zu lächeln, während alle anderen stumpfsinnig und lebensleer vor sich hinstarren.
Ich bin überzeugt davon, dass in jedem von uns ein Held steckt. Viele haben es nur einfach vergessen, vielen wurde es aberzogen, viele wurden als Antihelden konditioniert. Heldentum ist meines Erachtens heute weitaus vielschichtiger, facettenreicher als vor 1000 Jahren. Wahrscheinlich weil unsere Lebensinhalte vielschichtiger und facettenreicher sind.
Leider werden - und das ist eine weitere Beobachtung - heutzutage Helden gekrönt und ins Licht gerückt, die gar keine echten Helden sind, während die wirklichen Helden oft in der Dunkelheit verborgen bleiben. Wenn ich der Verschwörungstheorienanhängenden Seite in mir das Wort überlasse, dann sagt sie, dass dahinter Kalkül steckt. Dann ist der gemachte Hype um falsche Helden ein geschicktes Ablenkungsmanöver. Eine Verblödungstaktik um die Menschen träge zu machen. Weniger verschwörungstheoretisch betrachtet, ist es einfach nur ein Zeitgeist oder schnöde Klickstatistik.  Promis ziehen. Das Leben der anderen scheint immer noch interessanter und spannender als das eigene. Und wenn der Actionheld seine Mission erfüllt hat, Miley Cyrus Abrissbirnen reitet, dann war man zumindest auf dem Sofa dabei.

Lieber Herr Mampel.

Ein Held ist für mich jeder, der einmal mehr aufsteht, als er fällt. Jeder, der mir ein ehrliches Lächeln schenkt. Jeder, der nicht müde wird, seine eigenen Grenzen entweder zu erkennen und zu respektieren oder der sie mutig überschreitet. Jeder, der ohne Aufforderung die Grenzen des anderen respektiert und sich loyal verhält. Der sich für die Gemeinschaft einsetzt - nicht weil er muss, sondern weil er will. Der erkennt, dass Wissen nichts Starres, sondern eine Lebensaufgabe ist. Jeder, der demütig genug ist, sich hier auf dieser Erde als Gast und nicht als Besitzer zu fühlen und zu benehmen. Jeder, der einem Kind mit Achtung und Respekt begegnet. Der in einem Gänseblümchen das Universum erkennt und in einer wunderschönen Rose den Tod sehen kann. Jeder, der uns einen Spiegel vorhält. Jeder, der den Mut hat, hineinzuschauen. Jeder, der sich heute bemüht, ein bisschen besser als gestern zu sein. Der, der sich selbst immer wieder infrage stellt. Jeder, der den Mut hat, herzhaft über sich selbst zu lachen. Jeder, der sich traut, seine Gefühle zu spüren und zu zeigen. Jeder, der die Liebe zur Basis seiner Entscheidungen erklärt. Jeder, der versteht, dass sein Handeln Spuren hinterlässt. Jeder, der Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zieht.

All das scheint für sich genommen wenig spektakulär. Aber würden wir alle so leben - dann wäre es der Beginn einer neuen Zeit. Und das ist es doch, was Helden bewirken, oder?

Kommentare:

Papagena hat gesagt…

Etwas Gutes tun, ohne groß darüber zu reden, und dennoch andere mit der positiven Lebensart anstecken und mitreißen - das ist für mich auch heldenhaft.
Anderen Menschen so begegnen, wie man selbst gern behandelt werden möchte. Den Mut haben, Schwäche zu zeigen.

Oder jemand, der niemals ein böses Wort über andere verliert (ich denke dabei an meine Großmutter, die leider schon viele Jahre nicht mehr lebt).

Es gibt wirklich viele Arten des Heldentums.

Papagena

Eva hat gesagt…

Ein großartig geschriebener, erfrischender Beitrag - danke dafür! Dem gibt es nichts hinzu zu fügen!

LG Eva

Jeannette Hagen hat gesagt…

Danke liebe Papagena, danke liebe Eva für Eure Beiträge! LG Jeannette