Mittwoch, 20. November 2013

Kabarett im Himmel

@Huber/ Auftritt im Unterhaus des Freisinger Lindenkellers
Lieber Dieter Hildebrandt,
Du musst wissen, ich halte nicht viel von Nachrufen, darum schreibe ich Dir lieber einen Brief. Es ärgert mich, dass ich ihn nicht schon viel früher geschrieben habe. So wie ich eigentlich alle Menschen, die mir viel bedeuten, gern mit ein paar netten Worten bedenke.



Letzte Woche war ich auf einer Lesung von Arnulf Baring. Du kennst ihn, er hat als Gast in einer Talkshow auf Deine Sendung angesprochen, mal gesagt, dass Kabarett im Fernsehen ihn noch nie vom Hocker gerissen habe - so etwas müsse man live sehen. Ich selbst hatte leider nie die Gelegenheit, Dich live zu erleben. Ich erinnere mich nur daran, dass Deine Sendung Teil unseres Familienlebens war und dass meine Großeltern und meine Eltern Dich und den "Scheibenwischer" sehr schätzten. 
Und ich erinnere mich gut daran, dass ich - als ich bei der Lesung saß und Arnulf Baring, der ja auch schon 83 Jahre ist, zuhörte, dachte, dass es ein Jammer ist, dass all die wirklich Gescheiten, die Kantigen, die Unbeugsamen, die kontrovers Denkenden, die Offenen und Ehrlichen immer seltener Teil dessen sind, was man Öffentlichkeit nennt. Sei es nun in der Politik oder im Fernsehen.
Deine Hoch-Zeit war auch die Zeit der echten politischen Debatten. Eine Zeit in der man sich im Bundestag oder sonntagmittags beim Internationalen Frühschoppen nicht um "sauberen" Konsens bemühte, sondern auf Augenhöhe heftigst auseinandersetzte und diskutierte. 
Schauen wir uns jetzt Debatten oder Fernsehrunden an, dann ist das dagegen weichgespültes, teils bis an die Schamgrenze peinliches Geseiere. Da geht es nicht mehr um das Land, das Volk, die Politik. Da geht es um den Einzelnen, der auf dem Podium sitzt oder hinter seinem Pult steht. Es geht um Pöstchen statt um Position. Kontroverse existiert kaum noch, was im Grunde nichts anderes heißt, als dass man gerade dabei ist, die Demokratie abzuschaffen. Demokratie lebt von Kontroverse.
Es erschreckt mich zu sehen, wie aalglatte und schön frisierte Kompromisse geschlossen werden, die in Wahrheit ein Verbrechen sind.
Noch trauriger ist allerdings, dass das Volk zuschaut, weiß, dass da gerade etwas Schreckliches passiert und trotzdem stillhält. So eine Zeit gab es schon einmal. Du hast sie erlebt.

Wie gesagt, ich halte nicht viel von Nachrufen. Aber heute bin ich wirklich traurig. Richtig traurig.  Ich wünsche Dir einen gute Reise. Einen Ort, an dem man wieder echt politisch sein kann. Einen Ort an dem Gegensätze kein Drama sind, sondern als Bereicherung erkannt werden. Einen Ort an dem Courage nicht mit Machtsucht verwechselt wird. Und ich wünsche Dir einen Ort, an dem wieder richtig und herzhaft gelacht wird.


Kommentare:

Mr. Rail hat gesagt…

Ich erinnere mich gut an eine Radio-Satire, in der Dieter Hildebrandt das Wort "Gott" nicht verwenden durfte und es durch "jenes höhere Wesen, das wir so sehr verehren" ersetzen musste.

Dr. Murkes gesammeltes Schweigen von Heinrich Böll.

Von Textpassagen wie "Um Gottes Willen" bis zu "gottlob" mussten umschifft werden.

Hildebrandt hat dies so sehr verkörpert und interpretiert, dass man dies nie vergessen kann.

Hoffentlich begegnet er diesem Wesen jetzt und kann es schmunzelnd beim Namen nennen.

Astrid Ka hat gesagt…

Mir gefällt, was du da zum Tod von D. Hildebrandt formuliert hast. So wahr!
Herzlichst
Astrid