Samstag, 2. November 2013

Es braucht eine Erschütterung...

Vertretungsstunde. "Was wollt ihr machen?" fragt die Lehrerin. "Träume malen" sage ich. Es dauert keine Sekunde, bis der erste Mitschüler laut loslacht, keine weitere, bis sich andere anschließen. Die Lehrerin schaut mich an, als ob ich ihr gerade vorgeschlagen hätte, Schweinsköpfe auf Spieße zu stechen und es braucht ein halbes Schuljahr, bis "Träume malen" nicht mehr der running gag ist, mit dem sich einige auf meine Kosten amüsieren.


Gestern war ich im Kino und habe den Film "alphabet" gesehen. Ich wusste halbwegs, was mich erwartet und trotzdem hat diese Dokumentation mich stellenweise wirklich erschüttert. Nicht nur wegen der Tatsachen an sich, sondern vorrangig auf einer sehr persönlichen Ebene.
Für mich war Schule schrecklich. So wie alles in meinem Leben für mich schrecklich ist, wo ich Zwängen ausgesetzt bin. Wo andere mir vorschreiben, wie ich etwas zu machen habe. Wo Leistung vor Emotion, Tiefe und Vielschichtigkeit geht. Wo mein wirklich sehr kreatives und querdenkendes Gehirn auf einen Bruchteil seiner Leistungsfähigkeit reduziert wird, weil angeblich nur ein Lösungsweg der richtige ist.
Ich tue mich mein Leben lang schwer damit, vermeintlich unumstößliche Regeln oder Gesetzmäßigkeiten zu akzeptieren, die in meinem Denken keinen Sinn ergeben. Ich weigere oder verweigere mich dem auf vielen Ebenen - nicht immer zur Freude meiner Mitmenschen. Nicht immer zu meiner eigenen Freude, weil es anstrengend ist, in einer Gesellschaft zu leben, die Leistung für das Non plus ultra hält und emotionale Menschen und Querdenker als Spinner und Schwächlinge abkanzelt. Irgendwann hat mal eine Frau zu mir gesagt, dass man doch auch mal akzeptieren müsste, dass die Dinge eben so sind, wie sie sind. Warum? Weil es dann einfacher ist? Weil es dann bequemer ist? Weil man dann dazu gehört, wenn man seine Klappe hält? Ich halte es für Arroganz, so zu denken, denn es wird dem Leben nicht gerecht. Nichts auf dieser Welt ist eindimensional.
Das schönste, was ein Mensch im Leben erfahren kann, ist die Bestätigung dafür, das er genauso, wie er ist, richtig ist. Dabei geht es keineswegs um Bewunderung, Anerkennung, Schmeicheleien oder Lobhudeleien. Nein, ich meine es auf einer tieferen Ebene.
Gestern als ich im Kino saß, wurde mir dieses große Glück gewährt. Gestern habe ich verstanden, warum ich mich schon so lange auflehne. Dass nicht ich diejenige bin, die "falsch" tickt, nur weil andere etwas anderes propagieren. Ich konnte sehen, dass ich nicht naiv bin, bloß weil ich mich gegen Konkurrenzdenken wehre. Dass ich nicht dumm bin, bloß weil mir ein Lächeln manchmal mehr bedeutet, als ein Scheck.
Der Untertitel des Filmes heißt: "Angst oder Liebe" und ich finde, treffender kann man das, was den Wandel, der so wichtig für den Fortbestand unserer Welt, der Natur, der Menschen bewirken würde, gar nicht beschreiben. Der Weg geht nur über die Liebe. Der Filmprotagonist Pablo Pineda Ferrer hat das so wundervoll gesagt. Sinngemäß, dass wir die Menschen so sein lassen sollten, wie sie sind. Dass wir das Wesen des anderen als Bereicherung annehmen sollten, statt mit ihm zu konkurrieren oder ihn wegen seiner Andersartigkeit auszulachen oder sogar zu bekämpfen.
Als der Abspann des Filmes lief, kullerten mir die Tränen über das Gesicht. Ich war mir so sicher, dass ich diesen Wandel dort hin wohl nicht mehr erleben werde. Wenn ich mich umschaue und da brauche ich gar nicht weit schauen, dann herrscht das Konzept der Angst. Weil viele es mit Stärke verwechseln, den anderen zu ängstigen oder zu erniedrigen. Schule ist Erniedrigung. Erniedrigung eines genialen Geistes, der in uns allen wohnt, wenn wir auf diese Welt kommen.
Tief in seinem Inneren weiß das jeder. Tief in seinem Inneren weiß auch jeder, dass der Weg auf dem sich unsere Gesellschaft befindet, eine Sackgasse ist. Ein weiterer Protagonist des Films, Thomas Sattelberger sagt sinngemäß, dass eine gewaltige Erschütterung vonnöten ist, um uns wieder wachzurütteln. Der Film ist ein Schritt in die richtige Richtung und ich kann mir nur wünschen, dass ihn nicht nur viele Menschen sehen, sondern auch ihre Konsequenzen daraus ziehen.

Kommentare:

Abdul Kholiq hat gesagt…

hy, how are u?


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Regenfrau hat gesagt…

Wieso solltest Du das nicht mehr erleben?
Wer dachte, dass so schnell ein Schwarzer Präsident wird :-) immer an das Unmögliche glauben. Ich finde auch das "sagt" der Film.
Liebe Grüße

Louise die Regentänzerin hat gesagt…

Oh man, ich bin ja schon so wahnsinnig gespannt auf diesen Film! Danke dafür! Wundervoll wie du das ge- und beschrieben hast! Ich halte die Schule ebenfalls für grausam. Auch ich habe schon mein halbes Leben damit zu kämpfen "anders" zu sein als andere... Danke für diese Zeilen. Sie tun soo gut ;))

LG Louise

cintagame.com hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.