Mittwoch, 9. Oktober 2013

Von der Sehnsucht und der Beständigkeit


Es gibt Ereignisse in unserem Dasein, auf die kann man sich einfach hundertprozentig verlassen. Und weil man sich auf sie verlassen kann, lieben die meisten Menschen sie. Ein solches Ereignis ist der alljährliche Vogelzug.

Es mutet schon etwas skurril an, wenn auf einem Feldweg die Menschen sich drängen, um Kraniche zu beobachten, die irgendwo in weiter Ferne stehen. Riesige Objektive und Hochleistungsfeldstecher fangen den Zauber ein, der sich Jahr für Jahr wiederholt. Man hört die lauten Trompetenrufe der majestätischen Vögel. Sieht, wie sie Unmengen an Nahrung in sich aufnehmen, um für den weiten Weg, der vor ihnen liegt, gerüstet zu sein.

Ich habe mich, als ich vor ein paar Tagen an solch einem Kranichfeld stand, gefragt, was so faszinierend an diesem Spektakel ist. Warum pilgern die Menschen in Scharen zu den Kranichen, obwohl sie sonst der Vogelwelt vermutlich wenig Aufmerksamkeit schenken?
Ich glaube, ein Grund ist die Sehnsucht, die mit jedem Flügelschlag mitschwingt. Die Sehnsucht, die den Menschen bewegt hat, Flugzeuge zu bauen. Die Sehnsucht danach, sich einfach zu erheben, die Flügel auszubreiten und dem Winter den Rücken zu kehren. Und so stehen die Menschen am Feld, sagen Lebewohl und träumen sich für einen Moment mit in die Ferne, wohlwissend, dass kein Flugzeug dieser Welt diesen Traum von Freiheit erfüllen kann.
Aber das allein ist es nicht. Ich habe in mir selbst geforscht und entdeckt, dass der Vogelzug als jährliches Ritual Sicherheit gibt, in einer Welt, die sich immer schneller zu verändern scheint. Es gibt Ereignisse in unserem Dasein, auf die kann man sich einfach hundertprozentig verlassen. Sie sind das, was man beständig nennt.
Darum fliegt ihr Kraniche, fliegt! 
Und wenn ihr zurückkehrt, liegen der Herbst und der Winter hinter uns. 
Dann sprießt das frische Grün und die Liebe ergießt sich wie die Sonnenstrahlen und bringt die Wärme in unsere Herzen zurück. 
Ich sehe Euch nach und weiß, dass all das, was ist, seine Richtigkeit hat. 
Dass wir eingebunden sind in ein großes Ganzes, das so viel bedeutender ist, als unser Verstand.



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