Dienstag, 22. Oktober 2013

Schreib doch endlich diesen verdammten Text!

Ich könnte mir die Haare raufen, gackernd im Kreis um meinen Tisch laufen, drei Gläser Wein trinken, Grimassen schneiden, mir mit einer Pinzette sämtliche Nasenhaare herausziehen...all das nützt nichts, denn vor mir liegt ein weißes Blatt.

Willkommen in meiner Welt. Willkommen in der Welt der Buchstaben, Wörter, Sätze. In der Welt der Dichter und Denker, der Studenten, Schüler, Journalisten, Wissenschaftler, Autoren. Dort, wo Absätze galant über das Papier gleiten, wie hingehaucht oder Blüten gleich leicht über den Monitor segeln, oder rhythmisch, melodisch einen Reigen tanzen sollten, wenn da nicht...
...wenn da nicht diese verfluchte Schreibblockade wäre, mit der ich jetzt schon seit Stunden kämpfe und ohne die es diesen Text nicht geben würde.
Ja, Du denkst vielleicht: Was will sie? Sie schreibt doch.
Sicher. Das tue ich auch. Das tue ich genauso, wie ich vor ein paar Minuten die Waschmaschine ausgeräumt, die Wäsche aufgehängt, mein Mailprogramm nach überflüssigem Spam durchforstet, telefoniert und mit meinem Hund gespielt habe.
Nur tue ich all das nicht, weil es mir in diesem Moment besondere Freude bereitet, weil ich es wirklich muss, oder liebe. Nein, ich tue es, weil ich weglaufe und weil es leichter ist, als mich mit diesem weißen Blatt Papier auseinanderzusetzen.
Neulich gab es auf Spiegel Online eine kleine Fotoreihe über die Rituale der Großen. Honoré de Balzac. Fitzgerald oder Kafka. Ob 50 Tassen Kaffee, Selbstbefriedigung oder Nachtarbeit, am Ende hatten sie alle mit dem Monster der Schreibblockade zu kämpfen. Ich kenne niemanden, der schreibt und um dieses ungleiche Duell herumkommt.
Natürlich gibt es Strategien. Ohne Ende. Mach es so! Mach es anders! Mach! Letztere ist die, die ich am liebsten mag. Gut gebrüllt Löwe.
Ich zum Beispiel lasse mir Satzanfänge schenken. Das funktioniert gut bei freien Texten, bei Auftragsarbeiten weniger. Und selbst bei freien Texten ist es oft eine Herausforderung.
So bat ich neulich meinen Mann, mir bei einem Text für den Kiez-Blog, den ich schreibe, zu helfen. "Schreib über Gerüste." sagte er. "Über Gerüste?" hakte ich in der Hoffnung, mich verhört zu haben, vorsichtig nach. "Ja, über Gerüste." bestätigte er und formulierte den Satzanfang.
Wenn er geahnt hätte, was er damit auslöst, wäre er mit Sicherheit auf ein anderes Thema umgeschwenkt. Doch nun sitze ich hier und denke nach, was man über Gerüste schreiben könnte. Nicht in der Lage selbst nach einem anderen Thema zu suchen, weil das ja einer Niederlage gleichkommen würde, starre ich auf das weiße Blatt und fühle mich so unfähig, wie die Kuh, die auf dem Gerüst Tango tanzen soll. Dabei geht es um nichts, sage ich mir wohlwollend selbst. Streichle nicht mich, sondern meine geschundene Schreiberseele mit tröstenden Worten und mit dem Argument, dass andere Menschen auch Schreibblockaden haben und nicht wissen, was sie über Gerüste schreiben sollen. Doch all das nützt nichts.
Am Ende surfe ich durchs Internet, studiere Facebook-Posts und stoße auf einen Beitrag von PR Doktor Dr. Kerstin Hoffmann über Schreibblockaden und über ihren Aufruf zu einer Blogparade zum Thema.
Wunderbar, denke ich. Wer will schon über Gerüste schreiben, wenn es Sinnvolleres zu tun gibt? Und morgen ist ja schließlich auch noch ein Tag.

Kommentare:

Ina hat gesagt…

Das kann ich gut verstehen, liebe Jeannette. Auch ich kreise manchmal um das leere Blatt und finde tausend andere Dinge die so viel wichtiger sind.Gerüste sind sicherlich ein äh..... interessantes Thema. Sie halten zusammen, bringen Neues, geben Einblicke in Wohnungen, wa sman nicht alles so sehen kann wenn man auf einem Gerüst wandelt. Das sind spontane Gedanken. Aber ob du wirklich darüber schreiben willst? Manchmal mache ich das dann nur um für denjenigen, aber nicht weil es wirklich Meines ist. Ich wünsche dir gutes Gelingen und einen freien Kopf. Liebe Grüße- Ina

Jeannette Hagen hat gesagt…

Danke liebe Ina für Deine Anregungen. Zu den Gerüsten musst Du wissen - mein Liebster ist Architekt und betrachtet einen Stadtteil, eine Straße aus einem ganz anderen Blickwinkel. Vielleicht war das eine Einladung, die Welt mal mit seinen Augen zu betrachten. :-)

Ina hat gesagt…

wäre sicherlich interessant :-)

Judith Torma die Rednermacherin hat gesagt…

Oh so ein Spaziergang wäre doch sehenswert. Eine Stadt voller Gerüste - alt, rostig, hell schimmernd, klapprig und grün oder gelb oder rot.

Es gibt doch soviele tolle Dinge in und vor allem unter Gerüsten zu schreiben - war wäre, wenn wir auf das Gerüst raufklettern?

Danke, ich habe jetzt fast selbst Lust über Gerüste zu schreiben, nur wie passt das in meinen Rhetorikblog? Das gibt dann wohl wieder ein leeres starrendes weisses Blatt......

Jeannette Hagen hat gesagt…

Vielleicht unter der Rubrik: Literatur des Alltags :-) VG und danke für Deinen Kommentar! Jeannette