Donnerstag, 15. August 2013

My privat protest

Viele, viele Jahre lang war ich ein anständiger Wähler. Habe keinen Wahltermin versäumt, war selbst wenn die Sonne gelacht und das Wetter zu einem Ausflug eingeladen hat an der Wahlurne oder habe per Briefwahl meine Kreuzchen versendet, wenn es anders nicht ging.


Ebenso treu wie ich selbst der Wahlurne war, begleitete mich in all den Jahren stets das Gefühl, dass es eigentlich völlig egal ist, wohin ich mein Kreuzchen setze, weil spätestens nach den berühmten 100 Tagen nach der Wahl klar war, dass all die blumigen Versprechen genau das und nicht mehr sind: Versprechen.
Und weil ich das nicht mehr wortlos hinnehmen will und mich auch mit zunehmendem Alter von all den Dingen verabschiede, die ich nicht aus ganzem Herzen und mit voller Überzeugung tue, habe ich den Entschluss gefasst, keine Kreuzchen mehr zu machen und meine Stimme nicht mehr zu geben.

Zum ersten Mal in meinem Wahlleben verweigere ich mich und das ganz bewusst. Ich mache kein Hehl daraus, entschuldige mich nicht dafür und lasse auch Sätze wie: "Damit unterstützt Du radikale Parteien!" verklingen. Ich werde auch nicht zum Protestwähler, der blind eine kleine Partei aus der Liste wählt, nur um seine Stimme den Grünen, der SPD, CDU oder der FDP vorzuenthalten. Nein - ich wähle überhaupt nicht, weil ich dieses ganze Affentheater so satt habe, wie nur irgendetwas.
Ich könnte mich auf der Stelle übergeben, wenn ich die Wahlversprechen sehe, die derzeit das Stadtbild verschandeln. Das gipfelt in der Posse, dass die Dahlemer SPD aus Mangel an aktuellen Wahlplakaten mal eben die alten aus dem Jahre 2006 herausgekramt und aufgestellt hat, auf denen Klaus Wowereit zu sehen ist, der in diesem Jahr nicht einmal antritt. 
Glaubt denn ernsthaft in diesem Land noch jemand, dass wir uns in einer Demokratie befinden? Dass wir wirklich mit-entscheiden? Ich hatte einmal die Gelegenheit live mitzuerleben, wie ein Gesetz auf den Weg gebracht wurde. Wie zwischen den Parteien und der Wirtschaft gemauschelt wurde, während nach außen, "kontrovers diskutiert", "um Verständigung gerungen" und "im Sinne der Bürger gehandelt" wurde. Ich fragte den, der draußen vor der Tür noch so engagiert war, warum er da drinnen die Schnauze gehalten hat. Er lächelte. "Das läuft hier so, sonst kriegen wir andere Sachen nicht durch." lautete seine Antwort. Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus.
Und spätestens nach dem NSA-Spektakel sollte doch auch dem Letzten klar sein, dass die Fäden sowieso aus ganz anderen Richtungen gezogen werden. Wer nämlich ein wenig tiefer in die Materie eintaucht, der wird schnell den Grund für die Sprach- und Interessenlosigkeit einer Frau Merkel in diesem Zusammenhang finden. Sie liegen begründet in dem kleinen Wörtchen "souverän". Wer mehr dazu wissen möchte, kann gern in eine beliebige Suchmaschine "Deutschland souverän" eingeben. Möglichst im Sitzen.

Ich bin ein Mensch, der sich gern engagiert. Das war schon immer so. Lange Zeit war ich überzeugt, dass ich - dass wir gemeinsam aufstehen müssen, uns politisch mehr ins Zeug legen müssen, für uns, für unsere Kinder, für unser Land. In mir lag immer etwas, das Brecht in dem Stück "Die Gewehre der Frau Carrar" mit folgendem Satz beschreibt: "Nicht zu kämpfen heißt, für die Generäle zu kämpfen!" - im übertragenden Sinne: Gehst du nicht wählen, gewinnen andere, die Schlechtes planen. Aber diese Angst ist, wie so viele andere Ängste unangemessen. Darum habe ich mich davon verabschiedet. Ich glaube schlichtweg nicht mehr daran, dass sich mit Kampf etwas bewegen lässt. Zu viele #aufschreie sind verpufft, zu viele engagierte Menschen gegen Wände gelaufen. Uns wird seit Jahren wie in einer Dauerwerbesendung ein riesiges Kaspertheater mit dem Titel "Demokratie" vorgespielt. Die Akteure sind Parteien und Regierende, die entweder nicht wissen, was sie da tun, oder die sich gern an diesem Spiel beteiligen, weil es wenigstens gut bezahlt wird und ab und an sogar mal einer applaudiert. Meist jemand aus der Wirtschaft. Die wirklich krudeste Entwicklung in diesem Zusammenhang zeigen uns die Grünen.
Dass ich aufstehe und aus dem Raum gehe, heißt nicht, dass ich resigniere. Im Gegenteil. Ich bin nur ehrlich. Und zwar mir selbst und diesem Land gegenüber. Mein Engagement heißt von nun an: aktive Verweigerung. An der richtigen Stelle eingesetzt, ein sehr wirkungsvolles Instrument. Und wer weiß, was im Theatervorraum so los ist. Vielleicht versammeln sich ja da noch ein paar andere Verweigerer? Ich will ja niemanden anstiften, aber ich bin der Meinung, dass es sich lohnt, mal darüber nachzudenken, ob man weiterhin einfach mitmachen will.

Kommentare:

TinnyMey hat gesagt…

Danke für diesen Post und deine Ehrlichkeit!
Ich glaube du sprichst vielen Leuten aus der Seele.Aus genau diesem Empfinden habe ich schon mehrfach meinen Urnengang verweigert......mir klingt noch Westerwelles Slogan im Ohr:"Mehr Netto vom Brutto..etc..."
Wie hat men ernsthaft daran glauben können?
Mir "schwillt" regelmässig die Halsschlagader, wenn politische Themen auf den "Tisch" kommen und damit die Frage: "Was soll/kann ich tun??"
Ob ich wählen gehe?? Ich sehe auch keinen Sinn darin.......aber das werde ich spontan entscheiden. Villt. habe ich bis dahin ein Fünktchen Hoffnung?
Ich könnte mit Ehrlichkeit umgehen, wenn man zugibt was überhaupt geht und was nicht und auch das die SPD zugibt kein Geld für Wahlwerbung zu haben, ist für mich okay.Finde sowieso das dafür viel zu viel Geld verschleudert wird, die man besser nutzen sollte/müsste!
Ich Grüsse ♥-lich

Jeannette Hagen hat gesagt…

Danke TinnyMey für Deinen Kommentar und Herzliche Grüße zurück!

Maxine hat gesagt…

Wer nicht wählt, wählt die Mehrheit. Und muss sich danach nicht beklagen, dass es nicht so läuft, wie man es gerne hätte!

Jeannette Hagen hat gesagt…

Das mag für die vergangenen Jahre stimmen. In diesem Wahljahr zeigen zahlreiche Aktionen - unter anderem die Initiative "Wahllos", dass bedacht und überlegt nicht zu wählen, durchaus eine politische Haltung ist.

Maxine hat gesagt…

Was hat es mit dieser Initiative auf sich, wer steckt mit welchen Interessen dahinter und wo informiert man sich darüber?

Jeannette Hagen hat gesagt…

http://wahllos.de/deutschland-deine-nichtwaehler/static,Index_de.htm

Maxine hat gesagt…

Sorry, aber das ist keine Nichtwählerinitiative, sondern eine Aktion von Studenten der Axel-Springer-Akademie, deren "Ziel" es ist, die Motive der Nichtwähler zu untersuchen.

Bei so etwas drängt sich bei mir gerne der Verdacht auf, dass es im Interesse einer regierungsnahen Institution liegen könnte, potentielle Nichtwähler in ihrem Vorhaben zu unterstützen, indem man ihnen die passenden Argumente sozusagen frei haus liefert.

Jeannette Hagen hat gesagt…

Ich hatte nicht vor, Dich zu überzeugen. Geh wählen - ich werde es nicht tun.

Maxine hat gesagt…

Keine Angst, ich will auch keine Überzeugungsarbeit leisten. Ich finde es nur spannend, dass jemand, dessen Meinung und Einstellungen den meinen sehr benachbart sind, einen genau entgegegengesetzten Entschluss fasst.

Jeannette Hagen hat gesagt…

Vielleicht eine Frage des Alters? Der persönlichen Erfahrungen? Des Umfeldes? Wer weiß. Ich glaube, das nennt sich die Freiheit der Wahl! :-)

Anonym hat gesagt…

Hallo Jeanette,

ich stimme dir in deiner Haltung im "my private Protest" inhaltlich absolut zu.
Eine kleine Entgegnung habe ich:
Nichtwählen halte ich für passive Verweigerung. Als aktive Verweigerung sehe ich "ungültig wählen" an. Genau dies werde ich tun.
Nur so würde die Ablehnung deutlich- ein ganz kleines bißchen wenigstens.



Herzliche Grüße vom Mann an der hinteren Bustür, der mit Spannung weiteren Blog-Texten zur Woronesh Reise entgegenschaut. Egbert

Jeannette Hagen hat gesagt…

Lieber Egbert, wie schön, dich hier zu lesen! :-) Du hast völlig recht und genauso werde ich es auch machen. LG - auch an die anderen, wenn Ihr Euch trefft, Jeannette