Dienstag, 4. Juni 2013

Umsonst ist teuer bezahlt

Liebe Welt ich bin sprachlos.
Ich habe im letzten Jahr ein Buch geschrieben. Über Tage, Wochen, Monate. Viele Worte, Sätze, Zeilen. Ich habe formuliert, verworfen, neu formuliert, recherchiert und mir das Hirn zermartert, wie man alles so zusammensetzt, dass es sich flüssig liest und eine Freude für den Leser ist.

Als ich das magische Wort "ENDE" getippt habe, war ich glücklich und stolz, habe mich gefreut, weil nicht nur irgendeine Arbeit beendet war, sondern weil eine Arbeit beendet war, für die ich viel gelernt habe, für die ich auf anderes verzichtet habe und vor allem, für die ich mich diszipliniert habe, weil sie mir bis dahin noch niemand bezahlt hatte.
Um nicht lange auf Verlagssuche zu gehen, was heutzutage einem Gang nach Canossa ähnelt, habe ich das Buch als E-Book eingestellt - für die in dem Genre üblichen 2,99 Euro.
2,99 Euro - das sind knapp drei Kugeln Eis, knapp zwei Liter Benzin, einmal Curry-Pommes oder drei Bund Osterglocken für die Arbeitsleistung eines Jahres.
Das Buch hat sich verkauft, ungefähr 50 Stück im Monat. Ich verdiene an jedem Buch einen Euro vor Steuer. Nicht schwer auszurechnen, was am Ende auf dem Konto landet.
"Du musst Dein Buch auch mal kostenlos anbieten!" liest man dann in den Ratgebern für E-Book Marketing.
Ok dachte ich, mach ich.
Und nun rate mal, wie oft das Buch heute heruntergeladen wurde, seit es ab 12:00 Uhr mittags für 0,00 Euro angeboten wird. 666 mal und im Schnitt kommen in jeder Stunde ca. 50 weitere Downloads dazu.
Ich bin sprachlos. Sind den Menschen, die offensichtlich vereint auf Kostenlos-Buch-Fang gehen 2,99 Euro zu viel?
Gestern hat ein Pianist sein Konzert unterbrochen, weil jemand mit der Handykamera mitgefilmt hat. Der Pianist hat verärgert in den Saal gerufen, dass er bereits Aufträge verloren hat, weil manche Auftritte schon auf Youtube zu sehen waren, noch bevor ein Verlag sie herausbringen konnte.
Versteh mich nicht falsch - ich will hier niemanden anklagen. Ich bin ja Teil des Systems. Warum stelle ich mein Buch kostenlos zur Verfügung?
Damit es bekannt wird, sich verkauft, damit ich von dem leben kann, was ich kann und was mein Beruf ist. Das ist doch aber absurd. Die ganze Entwicklung im Medienbereich ist absurd.
Heute habe ich eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um eine Reportage finanzieren zu können. Das heißt, ich als Journalist bitte meine Leser um Geld, weil Verlage solche Reportagen kaum noch finanzieren. So toll wie die Möglichkeit solcher Kampagnen ist, aber auch sie ist ähnlich wie die Sache mit dem Buch eigentlich absurd. Das ist so, als würde der Bäcker um Spenden für Mehl bitten, damit er später Brötchen verkaufen kann.
Es ist traurig aber wahr. Musik, Texte und Kunst sind zu einem billigen Massenprodukt verkommen. Wir gieren nach mehr, sind aber immer seltener bereit, dafür einen angemessenen wertschätzenden Preis zu zahlen. Das ist schade, denn damit verkommt unsere Medienlandschaft früher oder später zur Monokultur, weil es sich kaum noch einer leisten kann, in der Branche zu arbeiten, ohne nebenher einen Zweitjob zu haben oder Sozialleistungen zu beantragen. Und schon jetzt stehen die immer gleichen Gesichter und Namen auf Bühnen, in Podiumsrunden, in Buchregalen und Ausstellungen. Talente gehen gnadenlos in den Mühlen der Billigpolitik unter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das ist, was wir wollen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das wird sich alles irgendwann irgendwo einpendeln. Ich ertappe mich immer öfter, dass ich mich freue, eine gute Zeitung zu lesen, mit gut recherchierten Artikeln und ausgewählten Themen vs. die immer schlimmer werdende Informationsschwemme ohne Qualitätskontrolle. Ich genieße es, einen Artikel zu lesen ohne das "weiter" zu suchen und die geschickt getarnte Werbung umschiffen zu müssen.

Kostenlose Bücher habe ich mir auch schon auf meinen E-Reader geladen, aus reiner Neugier. Meist bin ich aber nicht über die erste Seite gekommen, weil sie sogar für kostenlos zu schlecht waren. Vielleicht dauert es eine Weile, bis sich guter Content von der Masse schlechten Contents abhebt, aber die Mundpropaganda funktioniert im Netz besonders gut.

Viel Glück! Maxine

Jeannette Hagen hat gesagt…

Danke Dir für Deinen Kommentar und Deine Wünsche! :-)

M. hat gesagt…

Das ist leider eine Entwicklung unserer "Geiz-ist-geil-Gesellschaft" - und ich wundere mich immer wieder, warum man über Arbeitslosigkeit, hohe Kosten & Co. klagt, aber den Zusammenhang zwischen der Geiz-Gesellschaft und der schlechten wirtschaftlichen Lage nicht herstellen kann.

Ich würde das Buch an Deiner Stelle nicht umsonst reinstellen - selbst 2,99 Euro sind viel zu wenig und ich glaube, wenn man sich so unter Wert verkauft, dann zieht man auch nur die an, die nichts oder nicht viel zahlen wollen. Wenn Dein Buch eine gewisse Qualität aufweist und da gehe ich jetzt einfach mal von aus, dann wird es sich auch verkaufen. Vielleicht solltest Du nur Leseproben umsonst anbieten aber nicht gleich das ganze Buch?

Viele Grüsse und trotzallem noch viel Erfolg,
Maja

Romy Campe hat gesagt…

Liebe Jeannette, hoffentlich hast Du das kostenlose Buch inzwischen
wieder raus genommen. Ein paar Stunden kostenlos ist ja ok, aber das sollte nicht die Dauer werden. Liebe Grüße Romy
PS: Dein russisches Projekt werde ich mir schnellstens genauer anschauen. Kannst es gerne auch in unserem Blog veröffentlichen. www.blog.kunstleben-berlin.de