Donnerstag, 18. April 2013

Ein Gewitter für die Sinne

Heute war ich mit meinen Töchtern einkaufen. Wir haben uns ins Getümmel gestürzt -um genauer zu sein, in die Berliner Schlossstraße, die in Steglitz liegt und eine Aneinanderreihung von Einkaufszentren beherbergt. Hier findet man so ziemlich alles und damit waren wir auf der Suche nach einem Playmobil Schwan, der sonst im Elfenland lebt, genau richtig.

Unser Weg führte uns zunächst ins Forum Steglitz, wo es bei Spiele Max nur eine sehr begrenzte Auswahl an Elfen-Equipment gab, jedenfalls keinen Schwan, der meine Kinder beglückt hätte, also ging es weiter in das Schlossstraßen-Center - ein lieb- und lebloses Einkaufzentrum, in dem seit einigen Monaten in der 1. und 2. Etage der Primark seine Waren anbietet.
Und durch eben diesen Primark muss man gehen, um zu den Elfen zu kommen, die in der 2. Etage bei Toys `R us wohnen. Also kämpften wir uns durch. Ähnlich wie der Prinz, der die Dornenhecke bezwingen muss, um zu Dornröschen zu gelangen. Übrigens ein sehr passendes Sinnbild für den Trip, dem ich mich dort ausgesetzt habe.
Der Weg durch den Primark umfasst gefühlte 20 Meter.
Was ich auf diesen 20 Metern gesehen, gefühlt, gedacht, gerochen, philosophiert, überlegt, gespürt, erinnert und erlebt habe, glich einem Gewitter, vor dem man sich nicht verstecken kann und das mit archaischer Macht auf einen einprasselt.
Irgendwer hat vor langer Zeit mal gesagt, ich sei überempfindlich. Viele Jahre hat mich das gekränkt, weil es wie ein Makel an mir klebte. "Ich bin eine Mimose." sagte die Stimme in mir. Eine, die bei jeder Kleinigkeit überreagiert. Eine, die nicht cool sein kann, wenn andere müde lächeln, gar nichts mitkriegen und einfach ihr Ding machen.
Weißt Du was?
Es stimmt.
Heute auf diesen 20 Metern durch den Primark habe ich es plötzlich gewusst. Ich gehöre wirklich zu den 25 Prozent der Menschheit, die man hypersensibel oder hochsensibel nennt. Das ist kein Makel, keine Krankheit, sondern in vielerlei Hinsicht ein Geschenk, manchmal allerdings auch eine unglaubliche Last. So wie heute.
Ich betrete diesen Laden und sehe Berge von Klamotten und innerhalb von hundertstelsekunden läuft in mir ein ganzer Dokumentarfilm ab, der sich um Nachhaltigkeit, Kinderarbeit, dem Sinn von Second Hand, Müllbergen und Konsumgesellschaft dreht. Ich rieche Plastik, sehe Bilder. Mir tränen die Augen von den Farbstoffen in den Klamotten. Es stinkt. Es ist warm. Ich spüre die Menschen, die an mir vorbeigehen körperlich, selbst wenn sie einige Meter von mir entfernt sind.
Ich sehe Frauen, die in bunten T-Shirtbergen wühlen. Junge, aufgeregte Mädchen, dicke Menschen, türkische Großfamilien, zwischendrin eine ältere Dame, die offensichtlich ein neues Büro-Outfit sucht und eine weiße Bluse in die Luft hält und begutachtet. All das nehme ich wahr, frage mich, wer diese Menschen sind, was sie tun, ob sie wenig Geld haben und deshalb hier einkaufen oder ob sie einfach gern oft einkaufen. All das, während ich mich mit meinen zwei Mädchen, die das Grundrauschen und das hyperaktive Geschnatter pubertierender Mädchen übertönen, in dem sie im Duett auf mich einreden und mir Geschichten aus dem Elfenland erzählen, durch die Gänge zwänge.
Alles ist bunt. Alles ist laut. Und alles passiert innerhalb von maximal einer Minute. Ich sehe Gesichter, registriere, welche Klamotten rechts und links von meinem Weg hängen. Wenn Du mich jetzt fragst, kann ich Dir genau sagen, an welchem Platz Du nach der langen Strickjacke suchen musst, die grau/violett meliert ist und kleine lilafarbene Knöpfe hat. Und ich kann Dir den Sicherheitsmann beschreiben, der aufpasst, das keiner klaut. Und wenn Du wissen willst, wie die kleinen Rolltaschen aussehen, in die man die Klamotten legt...frag mich.
Den Schwan haben wir übrigens nicht bekommen.
Dafür eine kleine Elfenlandschaft mit Wasserfall, Extrazubehör und Eule. Ich hoffe, das befriedigt bis zum Geburtstag die Spiellust, damit mir dieser Gang durch das Primark-Gewitter bis auf Weiteres erspart bleibt. Ansonsten bestellt die Mimose Elfen und Schwäne zukünftig lieber online.
Für alle, die das Thema "Hochsensibilität" interessiert, hier ein sehr guter Link: Zart besaitet.

Kommentare:

Papagena hat gesagt…

So gesehen wärst Du aber auch die perfekte Tatort-Zeugin mit dieser detaillierten Auffassungsgabe innerhalb von Sekunden!

Zum Glück kann ich es ausblenden, wenn mich zu viele Eindrücke überrollen.

Liebe Grüße,
Papagena

Jeannette Hagen hat gesagt…

Liebe Papagena, wie schön von Dir zu lesen! :-) Gerade gestern war ich auf Deinem Blog und habe mich über die schönen Bilder und die Einblicke in Dein Leben gefreut! Und ja, Du hast Recht, das wäre ein Job! :-) Liebe Grüße, Jeannette

Anonym hat gesagt…

Hallo Spaziergängerin,

ein tolles Foto hast Du auf Deiner Homepage eingebaut. Hast Du den Vogel selbst fotografiert?

Du empfiehlst die Seite von Parlow. Ich finde die Inhalte dort auch sehr gut, das Buch selbst könnte aber etwas weniger umgangssprachlich geschrieben sein finde ich. Ein sehr gutes Buch ist auch von Rolf Sellin, Wenn die Haut zu dünn ist.

Letztlich bleibt es aber wie immer Geschmackssache. Ich als Mutter verschlinge derzeit das Buch hochsensible Mütter von Brigitte Schorr. Auch eine Empfehlung.

Ein guter Test zur Frage der eigenen Hochsensibilität ist hier zu finden: www.hochsensibel-test.de

Viele Grüße von Deiner neuen Leserin...

Jeannette Hagen hat gesagt…

Liebe neue Leserin,
schön, dass Du dabei bist!
Ja, das Foto ist von mir, wie alle Bilder hier auf diesem Blog.
Das Buch über die hochsensiblen Mütter habe ich auch schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher, die darauf warten rezensiert zu werden. Bin schon drauf gespannt!
LG
Jeannette